
Compilation-Album “Entangled Grounds. The Sound of XJAZZ! Berlin“
10 Moses Yoofee, Zacharias S. Falkenberg, Petter Eldh, Szabolcs Bognár – The Brewery Suite
Flötentöne? Digitale Sounds, die diese imitieren? Ja, zumindest teilweise, wobei die Nachahmung von akustischen Instrumenten in der digitalen Welt kaum Grenzen gesetzt sind. Dennoch klingen diese Imitationen anders als die akustischen Instrumente. Riffs knallen auf, darüber erheben sich fast sinfonische Klänge mit thematischen, ja melodischen Tonfolgen. Piano-Anschläge, klassische Tonsplitter in allen Lagen von tief unten bis glockenhell. Ja, der Titel ist programmatisch. Eine aus allen möglichen und unmöglichen Elemente zusammengebraute Suite. Die kommt – wie es sich für eine richtige Suite gehört -, auch mit komplexen Strukturen daher. Klingt in der Tat nach einer (fast) klassischen Suite mit diversen Themen, die sich in den verschiedenen Sätzen melodisch und harmonisch ändern, mal auch rhythmische Variation beinhalten. Die Frage bleibt, wer die akustischen, wer die digitalen Geräte bedient oder womöglich spielt?
Jetzt gelangt der Jazz in diese Suite. Eine Jazz-Combo spielt auf. Gesang erhebt sich, der sich unisono mit dem Piano trifft und ein Thema vorstellt. Dazu gesellen sich Bass wie Drums, zunächst scheint hier ein Quartett zu spielen.
Themenwechsel, eine Ostinato-Figur des Basses leitet den nächsten Satz ein, das Saxofon malt seine Klangfarben sowie Schleifen in den nun kompakten Sound. Die „Streicher“ pausieren jetzt, überlassen der wilder agierende Rhythmusgruppe plus dem Sax die „Bühne“. Aber denkste, schon mischen sie – wenn auch im Hintergrund - wieder mit. Im Vordergrund stehen die Soli von Saxofon und dem Piano, dynamisch von den Drums vorangetrieben.
Nächster Satz mit Piano-Einführung, klassisch anmutend mit lyrischen Anschlag. Hintergrund-Effekte aus digitalen Geräten und menschlichen Stimmen bilden so eine Art Chor, der zu singen anfängt - mit exotischem Zungenschlag. Die Suite lässt so gut wie keine Stilelemente aus. Nun ist ein mehrstimmiger Chor zu vernehmen, der durch die „sinfonischen Streicher“ und die Jazzer unterstützt wird. So klingt eine lokal gebraute Suite – Bitches Brew? Nee, Berlin Brew!
1 Group 26.11 – Follow Me
Ein paar Effekte, sparsame Töne, etwas Rauschen im Hintergrund. Wir sind im Reich der digitalen, elektronischen Musik. Eine männliche Stimme - eher die Ausnahme im weiblich dominierten Genre Singer/Songwriter. Die moderaten Tonfolgen eines Sax werfen thematische wie melodische Linien in diesen Sound. Der Rhythmus zeichnet sich mit durchgehenden, geraden Beats aus. Neben dem Sax befindet sich die Stimme im Fokus der Musik. Die anderen Instrumente wie Bass & Drums & Piano/Keyboard – gleich ob digital oder manuell generiert - bilden den begleitenden Hintergrund, aus dem ein paar solistische Läufe des Pianos wie Effekte herausstechen.
2 Moses Zuza Jasinska – Still Waiting
Digitaler Hintergrund poppt auf, Bass & Drums legen einen durchgehenden Beat auf, dann Flötenklänge, Gesang trumpft auf, Die Musik ist eine clevere Mischung aus digitalen Effekten und akustischer Musik. Das Thema nimmt Fahrt auf, steigert sich, ebenso der Gesang, der vokalistisch rüberkommt. Es wird dramatischer, intensiver, ausdrucksstärker. Danach ist Erdigung des Titels angesagt: es wird ruhiger, Piano-Läufe erobern den Titel, der Gesang zieht sich zurück. Der Song haucht sich allmählich aus. Nein, stattdessen gibt es ein akustisches Piano-Intermezzo mit kammermusikalischem Einschlag. Nach und nach ist auch das Piano immer weniger zu vernehmen. Die Band füllt die Lücke behutsam auf, die das Piano hinterlassen hat. Dann ist wirklich Schluss.
3 Zacharias S. Falkenberg – I Declare Maximun Boredom
Agile Schläge der Drums mit einer laufenden Ostinato-Figur des Basses machen den Anfang. Keyboard Background macht sich breit. Bläser kommen hinzu, erspielen sich unisono mit dem Keyboard ein Thema, welches einige Male wiederholt wird. Das 1. Sax (wohl Sopran) ergeht sich in bedächtigen, improvisatorischen Linien. Ständig präsent sind die ruhe- und rastlosen Anschläge des Drummers zu vernehmen, der den Song permanent vorantreibt. Jetzt klingt es nach unbändigem, überblasenem Tenorsaxofon, das seine Impulse, seine etwas schrillen Schreie aus dem Horn schleudert. Der packende Rhythmus läuft gnadenlos durch, das Titelthema darf noch mal vorstellen. Der Song ist jetzt gut verdichtet, kratzt am dramatischen Höhepunkt, um sich danach schnell davon zu machen.
4 Sera Kahlo – AFENI
Singer/Songwriter, das ist vor allem: Stimme, Voice, Gesang, Singen, Scatting. Viel Perkussion unterstützt die Inszenierung der menschlichen Stimme von Sera Kahlo, dazu gesellt sich ein - eher im Hintergrund agierendes -, aber unüberhörbares Saxofon mit lustvollen Aufschreien. Gelegentlich sind ein paar Zeilen des Textes zu verstehen, so der Titel des Songs AFENI oder die kämpferische Phrase „A Women, a Weapon“. Hier bekommt dann der Inhalt des Textes auch seine Wirkungs- und Aussagekraft. Ergänzt wird die Musik der Sängerin/Vokalistin durch einzelne Tonfolgen und Phrasen des Saxofons. Die Perkussion ist ständig dabei – händisch getrommelt oder digital generiert? Und immer wieder tönt es nach dem Titel-Refrain. Die Stimme von Sera Kahlo schraubt sich hoch und höher, kippt ins Schrille, insistiert dadurch inhaltliches Anliegen - AFENI.
5 douniah - In the Middle of the Night
Einige digitale Piano-Akkorde mit brummendem E-Bass legen los. Dann ist sofort gesungener Text zur Stelle, also Lied oder besser Song. Der Rhythmus zeichnet sich durch einen geraden, leicht ruppigen Beat mit etwas variierenden Ostinato-Figuren des Basses aus, schrubbt nahe am Funky-Beat. Der Gesang ist gut verständlich und bei Konzentration auch mit mittleren Englischkenntnissen verständlich. Der Gesang von douniah intensiviert sich, legt noch mehr Emotionen und Ausdruck in ihre Stimme, um eine knackige wie soulige Funky-Ballade daraus zu machen, was auch gelingt. Ein Piano-Support und die Linien des Saxofons schmücken weiterhin farbig aus. Die Drums klopfen ohne Unterlass quirlige Figuren mit vielen Noten in den Song. Behutsam verebbt allmählich die Stimme … die „Mitte der Nacht“ weicht dem Morgen.
6 Sofia Efty – Sunflower
Nach kurzer digitaler Einstimmung des Hintergrundes legt der Rhythmus los. Nicht gerade klassisch Hip Hop oder Rap, aber irgendwas zwischen diesen Genres oder zumindest von verwandten Sub-Genres. Da ist ein minimalistischer Grundzug, der sich durch den ganzen Song hindurchzieht. Der monotone Rhythmus – muss so sein, ist dem Genres geschuldet – läuft effekthaschend ohne Variationen durch. Darüber zelebriert Sofia Efty ihre Stimme, legt ihre Linien über die Takte, mal als Gesang, mal vokalistisch. Davon unbeeindruckt läuft der Beat - von den kurzen Pausen abgesehen – weiter. In diese kurzen Pausen füllt die Gesangsstimme von Sofia Efty den thematischen Rahmen, macht den Titel zum Song.
7 Zeitgeist – Freedom Energy Exchange Lady in Scarlet
Nun, ein deutscher Gruppen-Name (Einzelkünstlerin?) und ein englischer Titel, der es in sich hat. Kurzer Auftakt der Drums, wohl überwiegend digital erzeugt. Was daran auch akustisch ist, ist kaum auszumachen. Die Elemente sind alle vorhanden: durchgehender Beat, wuchtiger Bass, kontinuierliche Akkordfolgen wie Effekte des E-Pianos oder eines artverwandten Keyboards. Darüber sind auch thematische wie melodische Motive zu vernehmen. Alles in allem überwiegt eine minimalistische Ausrichtung des Titels. Von spontanen Ideen, Einfällen oder manuellen Interventionen ist wenig bis nichts zu spüren. Das ist durchkomponierte Musik auf elektronischer Basis, die einem der vielen Zeitgeister entsprechend, die um Vorherrschaft, um Dominanz buhlen.
8 Abáse Ohm – Eleven (Version)
Quietschen, hohe Beckentöne, ein Bass, der zu laufen anfängt, dazu gibt es Gags und Effekte. Das alles bleibt lange bestehen. Keine Improvisation über ein Thema, eine Harmonie oder über rhythmische Gefilde sind zu hören. The Beat Must Go On … und das tut er auch ohne jegliche Änderung. Ha, dann aber doch. Die Klangfarbe eines Saxofons macht auf sich aufmerksam, versprüht erste wie einsame Einfälle wie der Form eines knappen Riffs. Das Piano schlägt dazu mittels Akkorde akzentuierte Takte, die unterstützend wirken. Dann sind improvisatorische Fetzen des Saxofons angesagt. Diese Splitter steigern sich, sind kurzzeitig mal richtig bewegt. Die Sequenzen des Sax schwellen an, spielen sich etwas frei, blasen den bisherigen Sound in ein anders Fahrwasser, frischen den bisherigen Sound auf.
9 Sonic Interventions – Can´t Uproot Me
Hier scheinen – neben den üblichen, verdächtigen Mitstreitern der Rhythmusgruppe - einige Bläser am Werk zu sein. Durchgehende, perkussiv geschlagene Takte, werden von den melodischen Figuren von (Tenor)Sax und Piano zu einem Thema vereint. Gesangsstimmen werfen ihre Laute in den Titel. Das Sax macht sich zu weiteren Riffs auf, verbleibt in diesen, baut sie solistisch nicht weiter aus. Dafür mischen die interventionistischen Stimmen mit Vokalen den Song ordentlich auf. Jetzt herrscht ein heftiges Ringen zwischen Rhythmus, den Vokalen und der Klangfarbe des Saxofons, um den Fokus der Sonic Interventions – der Name ist Programm. So geht es munter wie kratzbürstig weiter. Alle werfen ihre Fetzen, Akkorde, Linien, Melodien und Geräusche in den Ring der Aufmerksamkeit. Damit nicht genug, der Sound wird immer quirliger, dabei kompakter und expressiver - Pardon wird nicht gegeben.