
Tigran Hamasyan - Album "The Bird of Thousand Voices" - 30.08.2024
Tigran Hamasyan - Album "The Bird of Thousand Voices" - 30.08.2024 – 1,31 Std.
Vierundzwanzig Titel aus und über die kulturelle Geschichte Armeniens.
Das Album ist ein sehr anspruchsvolles Ansinnen und notwendiger Weise ein Unterfangen, das neben vielen anderen Herausforderungen ein gewaltiges Volumen zur Folge haben muss. Die Musik des Pianisten Tigran Hamasyan reflektiert insbesondere Sagen, Legenden und Mythen. Es ist der Versuch, die musikalische Kultur Armeniens in eine zeitgemäße Form zu übertragen, bekannt zu machen, dadurch zu retten.
„The Bird of Thousand Voices” ist eine epische Saga, ein faszinierendes Werk!
Tigran Hamasyan – Piano, Komposition
The Curse (Blood of an Innocent is Spilled)
Piano-Einführung: verhalten, ruhig, fast still. Sogleich erklingt eine wohltönende Stimme, wieder mit Vokalen geschmückt. Es interveniert ein Schlagzeug? Auf jeden Fall ist es eine Art von Schlagwerk - manuell oder digital. Die Stimme schraubt sich hoch, dann kommt der plötzliche Bruch: Harte Beats von den Drums und Bass produzieren wuchtige Schläge, die aus einem Rock-Genre zu kommen scheinen. Diese akzentuierten Takte stoppen den Wohlklang des Gesangs. Es klingt, als ob Drums, E-Bass und E-Gitarre beteiligt wären, zumindest ein E-Piano oder ein omnipotentes Keyboard. Das Ganze könnte auch vollkommen digital eingespielt sein. Was auch an digitalen Gerätschaft vorhanden sein mag, ihre Klänge verstören den Titel. Eine harmonische Einlage verschafft dem Titel eine kurze Atempause, um dann wieder von dieser „Hard-Rock-Band“ ver- und zerstört zu werden. Diese Wechsel zwischen harmonischen Melodielinien und harten, rockig wirkenden Beats sind häufig. Das sind die strukturellen Spannungspole, die sich durch das gesamte Album konsequent hindurchziehen.
Areg´s Calling – Towards the World Above
Piano-Einführung. Leichte Anschläge führen sogleich zum Einsetzen eines mehrstimmigen Gesangs. Diesmal ist das Singen mit Text, also mit Inhalt verbunden. Eine Art Choral, eine Hymne mit leicht pathetischen Einschlag verschafft sich Gehör. Härtere Akkorde des Pianos schlagen auf, das Lied wird erneut mit Störgeräuschen konfrontiert, von denen sich der Gesang aber nicht abbringen lässt. Zunächst sind die Gesangsstimmen als eine dezente Begleitung im Hintergrund zu vernehmen, die dann lauter und eindringlicher werden: Jetzt tönt es nach einer Art eines Volksfest mit lärmenden wie fröhlichen Besuchern. Hier ist eine traditionelle Vorlage - auch für den Nicht-Kenner der armenischen Musik - erkennbar.
The Path of no Return
Raunende Stimmen, die eine subtile mythische Wirkung erzielen. Es könnten „gedämpfte“ Glocken sein, verfremdet und tieflagig intoniert. Es tönt nach andächtiger Ruhe. Eine Andacht in einer Kirche? Vielleicht. Dann nehmen die Klänge den Charakter einer psychedelischen, musikalischen Welt an.
Areg and Manushak – He Saw Her Reflection in the Water
„Voices in the Sky“, möchte ein unwissender Hörer meinen. Wenige Linien auf Basis eines sparsamen Pianos, das die Tasten stakkatohaft, aber leise anschlägt. Eine männliche Stimme gesellt sich zur weiblichen – eine Art von Chor bahnt sich an, zumindest ein mehrstimmiger Gesang. Wieder erklingen die einsamen, verloren wirkenden Töne des Pianos, die den Gesang zum Weitersingen anspornen. Ein einfaches Thema, das die Gesangsstimmen mit klarem Ausdruck vertonen, dabei balladenhaft die Geschichte erzählen. Ein folkloristisch inspiriertes Lied mit diskreter wie sparsamer Unterstützung des Klaviers von Tigran Hamasyan.
Postlude After Seven Winters
Ein glockenhelles Piano legt vor. Auch hier ist das Thema relativ einfach strukturiert. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Titeln des Albums spielt sich hier das Piano stärker in den Vordergrund: leichte Variationen des Themas im Stil einer minimalische Spielweise, mehr Neue Musik als Klassik oder tradierte Folklore. Auch wenn Tigran Hamasyan als Jazz-Pianist gilt, Jazz, welcher Couleur auch immer, ist im Album nicht zu entdecken.