Doppelkonzert Altar Quartet & East Tallinn Jazz Quartet 05.10.24 Schlot

Balladen
Andere Titel überzeugen durch balladenhafte Melodien auf dezenter rhythmischer Basis. Sie geben den Instrumentalisten die Gelegenheit, solistisch ihre Geschichten zu erzählen. Das kommt in den Titeln „Erl Rostival“ und „Ana Maria“ gut zum Ausdruck. Hier zeigen Piano und Tenorsax, welche Erlebnisse, Eindrücke und Träume sie authentisch zu erzählen vermögen. Auch „Ask Your Conscience“ kann zu den „Story Telling-Genres gezählt werden, auch wenn der Titel rhythmisch akzentuiert sich als Funk präsentiert.
November
Der Titelsong des Albums kommt sowohl mit kräftigen rhythmischen Akzenten als auch mit subtilen harmonischen Themen daher. Auf dieser Grundlage kann sich das Tenorsax von Nikolaj Nikitin besten austoben, seine Schleifen intensiv ins Thema blasen. Drums & Bass – inklusive des Pianos – halten den Song thematisch wie auch rhythmisch am Laufen, treiben ihn voran, verursachen unablässige Bewegung, die in eine Serie von fulminanten Soli des Trommlers führt – subtiles Jazz Drumming.
Weitere Titel
Quirlige, stark an Funk orientierte Rhythmen machen auf sich aufmerksam. Prägend sind die akzentuierten Akkord-Anschläge des Pianos, die die Kollegen an Bass & Drums rhythmisch stark unterstützen. Gut zu hören in „Lux e Tenebris“. Schnell, rast- wie ruhelos durchs Thema hastend, präsentiert sich „Black Nile“. Auf frei swingender Basis gehört der Song eher in die Rubrik Metropolen-Sound: Ein wenig Manhattan, etwas Berlin und umtriebiges Bratislava während der Rush Hour. Dazu trägt auch die „Gast-Trompete“ von Kornél Fekete-Kovás erheblich bei. „Blues for Wayne“ sprengt das gängige Blues-Schema, wird durch jazzige Substitutions-Harmonien ersetzt, kommt dadurch zu einer swingenden Aussage.
Jaak Sooäär (g)
Nikita Korzoun (as)
Ara Yaralyan (b)
Tanel Ruben (dr)
Vom diesem Quartett sind leider keine Aufnahmen im Netz zu finden. Von den einzelnen Musikern aber durchaus. Gitarrist Jaak Sooäär ist auf vielen Alben zu hören, so dass es keine explizite Besprechung eines seiner zahlreichen Alben gibt – das wäre auch eine sehr willkürliche Auswahl. Am Ende dieses Textes wird die Frage aufgeworfen, ob die Musik des Gitarristen einen Gegenpol zu der des Altsaxofonisten geben könnte.
So bezieht sich die folgende Besprechung auf das jüngste Album von Altsaxofonist Nikita Korzoun. Hier ist er im Quartett mit der klassischen Besetzung von Piano, Bass & Drums zu hören.
Album „Count to Three“
Die meisten Titel zeigen eine stark swingende Stilistik: Mainstream Be- und Hard-Bob, Post-Bebop und vieles dazwischen. Was auch immer: die Musik geht ab, hat Drive und Swing. Ein „junger Wilder“ in seiner jazzigen Sturm- und Drangphase. Ja, genau so klingen seine Titel auf dem Album. Und seine Mitgestalter betreiben es genauso ausgelassen, bringen viel Frische in den treibenden Sound.
Einige Titel im Detail
26-2, Apfelsoda, Birthday Boy, Count to Three
Agiles, schnelles Intonieren wie es sich für ein Altsax gehört, durchziehen diese Titel. Die verschiedenen Varianten von swingenden Spielweisen werden geradezu exemplarisch aufgezeigt: Was auch immer an Swing zu hören ist: Diese Titel haben den notwendigen Groove. Und das kommt rüber.
Emotionally Unavailable
Ebenfalls rhythmisch akzentuiert, aber stärker ins Balladenhafte zielend, zeigt sich „Emotionally Unavailable“. Auch hier bläst Altist Nikita Korzoun seine unbändigen Schleifen in den Titel. Seine improvisierten Linien werden dann von den Figuren des Pianos sowie dem solistischen fetzigen Trommeln des Drummers abgelöst. Eine Wiederholung des gefälligen Themas lässt den Song geruhsam ausklingen.
Auch klassische Jazz-Balladen - mit der entsprechenden Spielweise bezüglich Melodie, Harmonie und Rhythmus - sind auf dem Album vertreten: Broken Promise.
Jaak Sooäär - ein Gegenpool?
Gitarrist Jaak Sooäär gilt als Meister des estnischen sowie des baltischen Jazz und „bespielt“ seit Jahren die Szene mit seiner Jazzgitarre in den unterschiedlichsten Formationen. So ist er auf vielen Alben mit dem Bassisten Ara Yaralyan zu hören, der auch Mitglied in dem neuen East Tallinn Jazz Quartett ist. Demzufolge kann von einer großen Vertrautheit der beiden Musiker ausgegangen werden, die sich kreativ im Zusammenspiel auswirkt.
Wenn jedoch ein Musiker wie Jaak Sooäär auf über 50 Alben zu hören ist, so ist es schwierig bis unmöglich vorherzusagen, mit welchem Stil, welcher Ausdrucksweise oder auch mit welchem Genre er in dieser neuen Gruppe zu hören sein wird.
Stilistisch könnte zwischen den swingenden Bögen von Altsaxofonist Nikita Korzoun und den oft akzentuierten, energiereichen Gitarrenläufen von Jaak Sooäär ein interessantes Spannungsverhältnis entstehen. Diesbezüglich darf das Konzert des East Tallinn Jazz Quartet mit Spannung erwartet werden. Und so gilt auch hier: Hingehen!