LĪVA 07.05.26 Kunstfabrik Schlot

LĪVA 05.02.26 ZigZag - Lady Plays The Horn
Līva Strazdiņa hat erneut 5 Musiker der Berliner Szene handverlesen „zusammengetrommelt“ – eher herbeigeblasen - , um ein Sextett zu bilden. Das ist fast schon einen Big Band Light. In ihren beiden letzten Konzerten gab e es jeweils 2 unterschiedliche musikalische Ausrichtungen: da gab es Themen aus der lettischen Folklore, die sie zusammen mit der Pianistin Agita Rondo in zeitgenössischen Jazz überführten,
Zum andern gab es eine Adaption von brasilianischen Musik und lettischer „Volksmusik“ nach dem Motto: Modern-Brazilian Jazz Meets Latvian Folk. Auch hier war ein zeitgenössischer Jazz zu hören, der sich auf folkloristische Wurzeln bezieht, in seiner Ausprägung durch Līva Strazdiņas Blech höchst individuell wirkte. Dafür sorgte das Spiel der Gitarre, dass nicht nur die brasilianische, sondern die reichhaltige iberoamerikanischen Gitarrentradition in der Musik des Quartetts von Līva Band deutlich hörbar wurde.
Daraus folgt? Genau. Hingehen!
Līva Strazdiņa - trumpet/flugelhorn/composition
Max Hacker - tenor saxophone
Florian Schultz - guitar
Christian Cuevas-Müller - bass
Roland Schneider - drums
Die Flügelhornistin variiert ihre Band von Zeit zu Zeit. Diesmal ist Laurie Rich am Piano nicht mit von der Partie und Roland Schneider ersetzt Lucas Johnson am Schlagzeug. Auch das Tenorsaxofon wird zu hören sein. Tenorist Max Hacker wird thematische wie solostische Elemente des Sextetts verstärken. Das Zusammenführen der Klangfarben von Blech und Holz verspricht Bläsersätze voller Soul, die die Kompositionen von Līva Strazdiņa im besten „Licht und Klang“ präsentieren werden. Daraus folgt? Genau. Hingehen!
Impressionen in Zitaten vom Konzert am 21.10.25 im Schlot.
Der Auftakt ist verhalten, sparsame Töne, die schon den Latin Tough erahnen lassen. Dann wird es stärker Latin, er tönt nach Brasilien, Assoziationen an den Bossa Nova kommen hoch, ein eigenes Genre als der Samba den Cool Jazz umgarnte und dabei vom 2/4 in den 4/4-Takt wechselte. Darüber legt die Trompete das Thema, variiert dieses ein wenig, um dann an die Gitarre zu übergeben, die solistisch weitermacht. Es folgt ein Wechselspielen zwischen Einzeltönen, Figuren und geschickt eingeworfenen Akkorden. Da stecken neben dem brasilianischen Gitarren-Dialekt auch jede Menge Jazz-Gitarre drin. Bass wie Drums liefern unaufdringlich, aber wirkungsvoll den nötigen rhythmischen Drive. Kurzes Anspielen des Themas und schon beendet „Cookies“ den zupackenden Auftakt. Ansage der vorigen und des nächsten Titels sowie Vorstellung der Band. Schon geht´s weiter mit:
„Defections“
Auch das ist eine Komposition von Līva Strazdiņa, die hier zum Flügelhorn greift. Es wird sich im Laufe des Konzertes zeigen, dass Līva den runden, weichen Klangfarben des „dicken“ Horns den Vorzug vor der schlanken Trompete geben wird. Ein Start mit dem Flügelhorn weist auf eine Ballade hin. So ist es. Rhythmisch beginnt die Band dezent zu swingen. Nach dem kurzen Statement des Flügelhorns obliegt es dem Bass von Christian Cuevas-Müller den Song weiter balladesk auszuschmücken: sensibles Bass-Solo in hohen Lagen, dem Charakter des Songs gemäß. Dann ist das Flügelhorn solistisch zu hören. Der Sound verbleibt im ruhigen Modus von Stille. Dazu trägt - neben dem Support von Bass & Drums - auch das unaufdringliche Spiel der Gitarre von Florian Schultz bei, der diskrete Splitter zupft wie sanfte Akkorde schlägt. Über dieses rhythmisch-harmonische Gerüst „philosophiert“ Līva mit ihrem Horn, gestaltet den Song solistisch aus. Die ganze Band wirkt handverlesen in Beziehung auf die feinfühlige Artikulation, mit der die Musiker den ballenhaften Titel interpretieren.
Nächste Ansage von Līva. Das sei zunächst nur ein Arbeitstitel, der phonetisch zwar so klingt wie „Arkrom“, aber sicher anders geschrieben wird. Sei´s drum. Aber, so führt Līva aus, es handele sich um einen Begriff aus der Fachsprache des Segelns. Nun, so wie der Titel jetzt klingt, ist eine Analogie zu einem Segeltörn gut vorstellbar: frisch, frank und frei, der Wind kommt von Lee. So treibt der musikalische Törn dahin. Das Flügelhorn erzählt dann die Geschichte dieser musikalischen Reise. Rhythmisch sind akzentuierte Funky Beats zu vernehmen die Bass, Gitarre und Schlagzeug liefern. Die Gitarre steigert sich dann expressiv in ihren Improvisationen, wechselt zu Akkorden, packt noch n´Tick Dramatik in den Titel, bevor den Song dann aus Blick und Gehör entschwindet.
„Almost Midnight“
Das ist ebenso eine Ballade, wie ein „Featuring the Flügelhorn“. Den Anfang jedoch macht die Gitarre durch vorsichtiges Herantasten, dezentes Anspielen der Harmonien des Songs. Es ist ein feinfühliges Vorspiel, um das geflügelte Horn umso stärker herauszustellen. Dergleichen betreiben auch die selbstlos spielenden Jungs vom Rhythmus. Līva Strazdiņas Horn beginnt eine Erzählung anzureißen, vorzustellen, um im Laufe ihrer Improvisationen die Geschichte dann balladenhaft intoniert weiter zu spinnen. Das ist elegante Verführung durch ein eloquentes Flügelhorn. Um den Charakter des Titels weiter anzureichern, die Ballade mit anderer Klangfarbe auszuschmücken, zupft dann Christian Cuevas-Müller ein seelenverwandtes Bass-Solo. Aber die Story zu Ende zu erzählen, das obliegt Līva
- Lady Plays The Horn.
„Concented Breaks“
In gewisser Weise entspricht die Musik dem Namen des Titels, der sich in luftigen, leichten Bewegungen artikuliert. Rhythmisch resultiert das aus dem Spiel von Trommler Lucas Johnson, der mit seinen kontinuierlich rührenden Jazz-Besen Takt wie Akzente vorgibt und damit den verlässlichen Rahmen für Figuren und Läufe der Kollegen von Bass und Gitarre unterlegt. Die Gitarre von Florian Schultz spielt dann auf: zunächst mehr Einzeltöne anzupfend, dann zu komplexeren Motiven übergehend, um dann verstärkt seine raumfüllenden Akkorde erklingen zu lassen. Seine Soli steigern sich zu akzentuierten Sequenzen, aber sein Spiel verbleibt im Modus von ruhiger Intonation und Bewegung. Er entgeht der Gefahr, sich im sportlichem Ehrgeiz zu verlieren, indem er auf ein Höher, Weiter, Schneller verzichtet, dem viele Gitarreros unterliegen – die Kraft der konzentrierten Pausen.
Der 2. Set
Der fängt nicht da an, wo kurz vor der 1. Halbzeit das Flügelhorn verstummte, sondern lässt Līva Strazdiņa als Trompeterin erstrahlen.
„In Between“
Ihre Trompete startet das Thema, variiert es solistisch. Der Rhythmus zeigt sich zunächst durchlaufend mit leicht akzentuierten Anschlägen von Drums & Bass, bevor er in ein dezentes Swingen übergleitet. Dazu schlägt die Gitarre sparsamste Akkorde, die wie Splitter wirken. Solo Trompete. Līva bläst ihr Instrument mit mehr metallischer Phrasierung, auch sind Ihre Figuren und Schleifen durchaus schneidend, aber sie sind nicht stechend scharf. Ihre Intonationen sind von unaufgeregter, charmanter Art. Ihre Sequenzen sind näher am Stil der Trompeten-Legenden von Miles (der Miles des „Kind of Blue“, nicht von „Bitches Brew“) und Chet Baker als an den schmetternden, chirurgisch schneidenden Trompeten-Traditionen eines Arturo Sandoval oder Hannibal Marvin Peterson. Während der Rhythmus zuverlässig wie unbeirrt einen guten Job macht, liefert die Gitarre schnell noch ein Solo, bevor die Drums ihr wohl-verdientes, wohl-ertrommeltes Solo schlagen können. Unterstützt von Gitarren-Riffs trommelt Bastian Menz ein klassisch anmutendes Drumming-Solo. Das tut dem Song und der Stimmung gut, der Sound von „In Between“ ist jetzt fetzig treibend, richtig „hot“ geworden.
„Blues or Bossa?“
Nun, das ist eine schwierige Wahl. Rhythmisch gehört der Start erstmal dem „Bossa“. Melodisch entspringt der Titel dem Flügelhorn: Thema, Variation, Reprise. Der Song tönt nach einem wunderbaren Titel aus dem klassischen Spannungsfeld von Cool Jazz mit flirrenden Samba-Rhythmen. Die Gitarre leitet einen Wechsel ein, jetzt dominieren Blues-Akzente sowie -Akkorde. Ein diskretes Bass-Solo wird von den Drums begleitet, wobei Drummer Bastian Menz mit den bloßen Händen perkussiv die solistischen Ausflüge der Kollegen unterstützt. Das Flügelhorn ist unentwegt dabei, die Frage „Blues Ort Bossa“ zu stellen und zumindest partiell auch stilistisch zu beantworten.
Der „Rausschmeißer“
Der kommt lässig wie bewegt daher, ein rhythmisch treibender Swing mit Ecken und Kanten. Dies ist besonders bedingt durch das energetische Spiel von Bass & Drums, die den Song stark forcieren. Support steuert die Gitarre durch knackige Riffs bei. Dann nochmal kurze Soli aller reihum: Bass, Gitarre, Drums und Last not Least die sich rar machende Trompete.
„Blues or Bossa“. Alles in allem scheint beides „zu gehen“, zumindest zu klingen. Was es auch immer stilistisch sein möge, es ist zeitgenössischer Jazz in der individuellen Ausprägung von Līva Strazdiņa und ihren Mitgestaltern.
Ankündigung Schlot
Inspiriert von der Coolness eines Miles Davis, den Melodien Billy Joels oder dem Flow von Kendrick Lamar, schafft sie einen Sound, der nicht auf Effekthascherei, sondern auf Ausdruck, Tiefe und Melodie setzt.
Līva nimmt ihr Publikum mit auf eine persönliche und zugleich universelle Reise. Ihre Kompositionen entstehen oft direkt aus dem Moment heraus. Einige Stücke sind unmittelbare Reflektionen auf konkrete Erfahrungen. Generell erzählt Līva in ihrer Musik von Erlebnissen, Empfindungen, Begegnungen und Alltag. Ihre lettischen Wurzeln fließen dabei stets mit ein: lyrische, einprägsame Volkslieder aus der Kindheit begleiten den Konzertabend.
Doch hinter der Musik steckt mehr als nur Klang. Līvas Live-Auftritte schaffen Raum für Verbindung – mit sich selbst und miteinander. Es geht um Bewusstsein, Emotion und Begegnung. Ihre Vision: Musik als Einladung zu mehr Empathie und Achtsamkeit.
“In ihrer Dringlichkeit eine echte Entdeckung für mich. Wertvoll. Hingehen!“ – Till Brönner