Amit Friedmann Quartett 10.01.25 b-flat


Amit Friedmann Quartett 10.01.2025 b-flat


Amit Friedman – Tenor- & Soprano Saxophone
Hila Kulik - Piano
Igor Spallati - Bass
Amir Bresler - Drums


„Human Blanket“
So könnte der folgende Titel heißen. Leises Einstimmen durch das Tenorsax, Hila Kuliks Piano rundet ergänzend ab, um dann in ein stilles Duo zwischen Piano und Tenorsaxofon zu gleiten. Drums wie Bass gesellen sich dazu, begrüßen die sich abzeichnende (Liebes)Geschichte. Keine Ballade ohne Solo des Kontrabasses. Igor Spalatins Ideen schwelgen in den singenden Linien, versinken in den holzwarmen Klängen seiner Figuren und Läufe. Nun ist es am Piano einen stilistischen Wechsel einzuleiten: schnelles Tempo, kraftvolle Anschläge, intensiver Ausdruck. Der Bass kommt hinzu und zusammen verdichten sie ihre Tonfolgen zu einem Ostinato-Motiv, das stakkatohaft den Song rhythmisch wie harmonisch antreibt. Da will das Sax von Amit nicht außen vor sein, bläst seine Sequenzen nun expressiver, steigert sich zunehmend und improvisiert in bester Tradition eines voluminösen Tenorsax-Sounds. Knappe Ansage und schon ist das Publikum in die Pause entlassen.





2. Set oder 2. Halbzeit
Zurück auf die Bühne und sogleich swingt die Combo lässig darauf los. Da steckt einiges an Be- und Hard-Bob in dem Song. Bass & Drums produzieren viele schnelle Noten, legen markant vor. Das Sax erhebt sich solistisch darüber, ist mit Bob-typischen Schleifen zu hören, zu dem auch mal ein paar schräge Noten gehören, aber alles in allem ist ein unkomplizierter Swing mit traditionellem „Zungen-Schlag“. Großen Anteil am swingenden Treiben hat das Piano von Hila Kulik. Ihre Spielweise ist ein ausdrucksstarkes, passioniertes Swingen, das die Stimmung im Club so richtig aufheizt – very hot. Noch ein paar thematische Einsprengsel durch das Tenor und dann ist die Stimmung reif für die Aktivitäten von Amir Bressler mit seinem Schlagzeug. Zunächst spielt er die „Pausen-Soli“, indem er die Zeitspanne zwischen den Takten solistisch überbrückend nutzt. Piano wie Bass spielen dabei Grundton und betonen den Takt (die Eins bzw. Eins-Und). Jetzt wechselt das Trommeln in ein klassischen Solo à la Jazz Power Drumming. Die Anwesenden sind hin und weg und so muss das Sax für die erforderliche Erdung sorgen, indem er mit wohltönenden Bögen den Titel verabschiedet.

Dann Ansage und erneute Vorstellung des Quartetts: Mit Amazing Hila fängt es an, dann bekommen alle dieses Adjektiv zugesprochen – zu Recht.


„Bolero“
Der nachfolgende Song macht dort weiter, wo das Saxofon von Amit den vorigen Titel relaxed ausgeblasen hat: Ruhige Tonfolgen, die Amit ganz unbegleitet seinem Sax entlockt, Einstimmung auf den kommenden Titel, jazziges Reflektieren über den Tenor-Sound, melodisches Aufspüren und Vorstellen des Themas. Derart bereitet Amit Friedman solistisch den „Bolero“ vor, erweckt Neugierde wie Spannung. Die Band kommt hinzu, die erzeugten Harmonien klingen nach einen Jazz-Standard, der balladenhaft präsentiert wird: Die Drums werden mit den bloßen Händen (ohne Stöcke) getrommelt, Piano und Drums unterstützen den Bass von Igor Spallati, der sparsame Linien zupft, sein anfängliches zurückhaltendes Spiel in ein virtuoses Solo überführt, in dem teils quirlig schnelle Läufe sich mit Passagen abwechseln, in denen wenige Töne ihre dominierende Wirkung entfalten. Dieser „Rote Faden“ einer lyrischen Spielweise wird ans Piano weitergereicht. Hila Kulik nimmt ihn auf, verleiht ihren perlenden Figuren ebenfalls poetische Noten. Dann haucht das Saxofon die balladesken Klänge aus.


„You Have to Go“
Dieser Titel erfordert eine gewisse Erklärung: In einem Nationalpark in Südafrika mit vielen exotischen Tieren, gab es eine gefährliche Situation mit Löwen, in der die Ranger den Gäste den Rat gaben: „You Have to Go“. Amit wiederholt diese Phrase mehrfach und ebenso eindringlich wie damals. Zwischenruf aus dem Publikum: „Now?“ Kurzes Auflachen im Club wie auf der Bühne, dann die Verneinung von Amit. Das galt für die damalige Situation, nicht für hier, aber der entscheidende Satz war dieser: „You Have to Go Now“. Zur Musik.

Wieder diese kraftvollen Akkorde, die das Piano vorlegt. Die Tonfolgen sind ein fast klassisch anmutendes Schwelgen in eleganten Melodiebögen. Der Titel könnte auch lauten: Featuring The Piano of Hila Kulik. Anspielen des Themas durch das Sopran-Sax. Die Sequenzen des Piano, dann die des Quartetts ändern ihren Rhythmus, schlagen akzentuierte Beats, die nach Orient klingen. Ja, das ist der 2. Song, der sich rhythmisch orientalisch präsentiert. Das kommt beim Publikum gut an, es darf, es soll mitgeklatscht werden, was mit Begeisterung aufgenommen wird. Auch dieser Titel ist tanzbar, sorgt für Stimmung wie gute Laune und könnte auf jeder Hochzeit gespielt werden – gleich ob religiös orthodox oder atheistisch. Das Sax stellt noch mal die Anfangsmelodie vor und dann gibt es einen Sopransaxofon-Sound mit allen Schikanen: volles Rohr, volle Kanne, Sequenzen, die sich in die Höhe schrauben, alles mit großer Leidenschaft intoniert. Das Ganze bekommt die souveräner Unterstützung der Band - „You Have to Go” - Not yet!

„Sunny Side of the Street”
Ein alter Standard aus der wirtschaftlich wie sozial schweren Zeit der “Deep Impression” in den Staaten, wie Amit erläutert. So aufmunternd scheint der Song die Sonnenseite des Lebens zu beschwören. Hier präsentiert das Quartett ihn als luftigen, ruhig gespielten Song, der unbeschwert mit lässiger Eleganz durch die Musik wie das Leben swingt. Die Drums bekommen den Besen zu spüren, Bass und Piano gehen Hand in Hand  und das Saxofon spielt die Erkennungsmelodie mit ironischem Einschlag. Federnde Beats von Amir Bresler, korrespondierende Figuren des Basses von Igor Spallati und die stakkatohaften Anschläge, die Hila Kulik aus dem Flügel zaubert erzeugen einen lässig swingen Rhythmus, dem das Sax von Amit Friedmann mit Augenzwinkern eine gewisse Ironie verleiht.



Dunkle Stimme aus dem Publikum: „Amit, the audience, better than in Dresden?“ Der leicht suggestive Charakter der Frage wird völlig glaubwürdig mit „Yes“ beantwortet. Zustimmung auf der Bühne, Lachen im Publikum. Wie könnte der Deal anders sein?

Das sollte der letzte Song gewesen sein? Mitnichten. Nach viel Applaus und kurzem Verschwinden von der Bühne ist das Quartett zurück, spielt die „obligatorische“ Zugabe. Was für die bisherigen Titel galt, gilt auch jetzt: Melodisch einprägsame Klänge auf souverän erzeugter rhythmischer Basis, über die alle Mitspieler der Band reihum ihre Soli bekunden, wobei Themenvorstellung und – ausbau dem Saxofon überlassen bleiben. Ein gefälliges Stück, das – wenn die Harmonien noch richtig im Ohr sind -, der Titel „Unconditional Love“ sein könnte. Wie auch immer, eine überzeugende Komposition, in dem das Sax sich trefflich präsentieren kann und das auch tut, hier im b-flat.


Und dann gibt es noch die erklatschte, erkämpfte, also die richtige Zugabe. Was von Sonny Rollins. Auch dieser Titel swingt in lässig gekonnter Weise und bietet die Chance für alle Mitwirkenden noch mal zu zeigen, was sie sowohl begleitend als auch solistisch auf „dem Kasten“ haben. Yeah, das ist verdammt viel.


Wiederholung ist sehr erwünscht. Diese subjektive Einschätzung wird offensichtlich auch vom Publikum geteilt, wenn Applaus und Begeisterung als Indikatoren gelten. Anders gesagt: Ihr habt noch einen Koffer in Berlin!

Konzertbericht vom 25.08.2023