Berlin jatzzt 10.12.2023 Kunstfabrik Schlot - Fortsetzung Teil 2


Ausgewählte Szenen

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, im Fußball wie im Jazz. Mit Illustrationen und Einspielungen geht es nach der Pause so weiter, wie es aufgehört hat. Analoge Ansage und Musik aus dem Radio, das Festival „Deutscher Jazz Salon“ von 1961 betreffend, sind zu vernehmen. In diese eingespielte Musik klingt sich die Combo leise ein, dann stärker, um dann den Titel in eigner Regie fortzuführen. „Berlin Calling“ swingt dem damaligen Jazz-Zeitgeist entsprechend. Ein Kanon von Werner Haider, so Titel und musikformaler Inhalt, führt den lässig Charakter der Cool Jazz-Phase weiter. Wieder ist Bach mit seiner genialen formalen Strenge zu erkennen. Bei den Soli des perlenden Vibrafons von Volker Fry darf dann der Sound des MJQ  zumindest geahnt werden. Solo der Gitarre und das längst überfällige Kontrabass-Solo, das Kubi Kubach mit holzwarmen, singenden Figuren kreiert, zielen und treffen direkt ins emotionale Herz des Publikums.


Ein fast typischer Bebop macht weiter. „Blues for Werner“ von Michael Naura ist so ein Song, der den Pianisten Tobias Tinker als swingenden Boogie Woogie-Pianisten herausstellt – oder neudeutsch: featured. Der Sound wechselt zu balladesken Sequenzen, „Gruga Mood“, ebenfalls von Naura. Das wird erzielt durch die narrativen Improvisationen, mit dem das satte Tenorsaxofon den Titel zur Ballade dreht.


Nach weiteren Texten von Michael Naura ertönt eine etwas andere Musik, die beim ersten Hören nach solidem Hard-Bob klingt. Beim zweiten Hören springt der lässig bewegte, zweitaktige Beat in die Ohren. Der latin inspirierte Song stammt von Klaus Doldinger, schimpft sich „Blue Note Samba“ und nimmt das Genre Fusion vorausschauend vorneweg. Diese Spielweise, mit diesen Nuancen betont jetzt die Band, die sich schon länger wunderbar einspielt hat.


Jetzt wird Zeitzeuge Eddie Reuter auf die Bühne gebeten, den Jörg in ein Gespräch über seine Erfahrungen als Jazzbassist im Nachkriegsdeutschland verwickelt. Dazu werden Fotos der angesprochenen Personen projiziert, Geschichten erzählt. Das ist unterhaltsames wie kurzweiliges historisches Bildungs-Seminar im besten Sinne. Das gilt für alle Einspielungen, Lesungen, die Moderation und last not least die Musik. „Keep on Swinging Berlin“, möchte man wie frau rufen.


Zwei Stücke von Michael Burzlaff zeigen, wie groß die stilistischen Bandbreite dieser Berliner Kompositionen - sogar innerhalb der vorherrschenden Genres von Swing und Cool Jazz - sind. Eine kammermusikalische Kostprobe bietet das Trio, wobei das Vibrafon von Volker Fry das übliche und überaus erfolgsverwöhnte Piano bestens „klöppelschwingend vertritt“. Wiederum anders kommt „Europe Center“ daher. Ja, das am Ku´damm. Kurze Riffs, von Sax und Horn geschmettert, bringen einen bewegten Titel zur Gehör. Ähnliches ist von 2 exzellenten Titeln von Oliver Nelson zu vernehmen, der anlässlich der Berliner Jazztage von ??? seine Berlin Dream Band zusammenstellte, die LP Berlin Dialoge fort  Orchestra produzierte. Aus dieser Aufnahme spielt die heutige Berlin-jatzzt-Combo die Titel „Confrontation“ und „Checkpoint Charlie“, haut diesen kräftigen Sound dem Publikum um die Ohren. Der Start des einen Titels ist sogar ein ausgemachter Free Jazz, zumindest für einige Sequenzen, bevor dann in einen souverän treibenden Hard-Bop gewechselt wird.


Einen sehr bewegendes Zitat sei noch erwähnt. Petra Wolf trägt aus den Memoiren der Jazz-Legende Billie Holiday eine Passage vor, in der sie noch in der Stadt weilt, sich die Berliner Szene anschauen und anhören will. Der Höhepunkt dieser Erinnerungen bestehen aus den Aussagen, dass sie so bewegt von Jazzen und Jammen der Berliner ist, das sie bis zum späten Morgen bleibt, um alles mitzuerleben, nichts zu verpassen, bis zum letzte Augenblick bleibt, um gerade noch den Flieger in die USA zu bekommen. Ein größeres Kompliment ist nicht zu machen oder auf berlinisch: mehr is nich!


Dann doch noch. Das nun wirklich jazzklassische Piano-Trio der Combo präsentiert ein Stück des Pianisten Fritz Pauer und verdeutlicht, dass auch ein solches Genre absolut überzeugend gespielt werden kann. Das erfolgt eher in einer zeitgenössischen Darbietung als in einer klassischen Interpretation in seiner Entstehungszeit.

Dann ist die historische Revue nach über mehr als 3 Stunden geballter Musik, konzentrierter Unterhaltung und gewiefter Informationen vorbei. Mehr geht nicht, mehr kann nicht aufgenommen werden. Wem das immer noch nicht reicht, der sei auf die auf die Folgeveranstaltung verwiesen, die am 11.Feb. 2024 wieder im Schlot stattfindet.

Bis dahin jatzzt Berlin weiter.


Konzertbericht vom 25.08.2023