Charlotte Greve mit Wood River 30.09.2023 DONAU115

Wood River wird als eine Band geworben, die überwiegend in Brooklyn beheimatet ist. Charlotte Greve, Kopf der Gruppe, hat aber noch ´n Koffer in Berlin, und da muss sie hin, und zwar ins neuköllnische DONAU115. Der Name Wood River impliziert eher akustische Musik. Aber weit gefehlt. Mit 2 Keyboards, einer E-Gitarre, dem dazugehörigen E-Bass ist Wood River elektrisch bzw. digital gut ausgestattet. Die beiden Keyboards sind in der Mitte der „Bühne“ zentriert und machen schon ein optisches Versprechen, was zu hören sein wird. Singer/Songwriter wird sich als zutreffendes Genre erweisen. Das zeichnet sich durch pianospielende Sängerinnen oder singende Pianistinnen aus. Hier sind es die 2 Keyboards von Charlotte Greve & Charlotte Jacobs, die sich im Fokus des Geschehens sonnen können.
Charlotte Greve - voice, saxophone, keys
Charlotte Jacobs - voice, keys
Keisuke Matsuno - guitar
Simon Jermyn - bass
Mark Schilders – drums
Einige repräsentative Titel im Detail
Nach halbstündiger Verspätung im prallgefühlten Club bei einer mehr als kuscheligen Enge mit der entsprechenden Luft wird das überwiegend junge Publikum erlöst. Auftakt! Drums und der einfache Ostinato-Figuren spielende E-Bass liefern einen geraden Beat, auf den sich der Gesang draufsattelt. Sparsame Akkorde, einzelne, eher dezente Töne steuert die Gitarre bei. Die Drums lockern mit einzelnen Anschlägen auf, dann ist das Altsax kurzzeitig zu vernehmen. Charlotte Jacobs füllt die Lücke des verwaisten Keyboards, greift vorsichtig in die Tasten ihres Gerätes. Ihre Stimme bedient sphärische Klänge, fühlt sich ein wenig esoterisch an. Zur Verstärkung ist Charlotte Greve wieder zu den Tasten zurückgekehrt, unisono singend beenden die Vokalistinnen den titellosen Song.
Ruhig stellt sich anfangs der nächste Titel vor. Die Drums werden sanft mit Klöppeln berührt, das Stand-Tom ist mit einem Handtuch gedämpft. Der Gesang kommt als Duo rüber. Die Drums legen die Zurückhaltung ab, Gitarre & Bass rocken und rumpeln. Keine längere Phase ohne Gesang. Charlotte Jacobs steigert ihre Stimme, die Vokale schrauben sich in größere Höhen. Unterdessen stattet die Namensvetterin den Song mit Text aus, wie es sich für ein Lied gehört. Es ist nicht ganz einfach, das Klangbild zu beschreiben, für das sich die Band und besonders die Sängerinnen engagieren. Raunende Sphären, verwunschene elektronische Klangwelten, der Sound hat eine Spur Rauschhaftes.
Mit durchlaufenden, geraden Schlägen der Jungs vom Rhythmus geht´s weiter. Der Man am Bass bevorzugt das Einfache. Wilde Fingerläufe und tolle Figuren sind seine Sache nicht, er bevorzugt das Schlagen der Saiten mit einem Plektrum. Mark Schilders an den Drums dagegen motzt gelegentlich mit jazzigen Zwischenschlägen auf. Von Charlotte Greve sind jetzt einige Töne Altsax zu hören. Leider nur kurz angerissen. Schade, denn die Altisten bevorzugt einen originellen, untypischen Sound auf dem Alto Sax. Eine Stimme aus dem Publikum meint, ihr Sax sei bei den Soli zu leise. Ja, das stimmt. Unterdessen ist es an der – sich bislang zurücknehmenden - Gitarre von Keisuke Matsuno loszulegen: es knirscht und kracht bei seinem Solo ganz erheblich. Früher war das nicht selten durch unzureichende Elektrik und Kabel bedingt. Heute ist es nicht auszuschließen, dass solche Klänge, Effekte und Geräusch gewollt sind. Nun, das Resultat dieser kratzenden Klänge hat den gleichen eigenwilligen Charme. Die Damen an den Keys verursachen jetzt gemeinsam sphärische Stimmungen, die anderen halten sich betont zurück. Der dazugehörende Gesang, ob mit Text mehr im Vordergrund oder als ergänzende Zweitstimme von Charlotte Jacobs mehr im Hintergrund schieben die Musik dann vollständig ins Genre Singer/Songwriter - irgendwo zwischen Folk, Pop, Chanson oder Lied.
Die Titel gehen jetzt bruchlos ineinander über. Die Lieder, der Gesang haben überwiegend eine sanfte, weiche Klangfärbung, da schlagen die Jungs vom Rhythmus mal richtig quer. Fetzig mit knackigen Beats sind sie jetzt im Reich des Rocks angekommen, den sie solide runterspielen. Das ist eine Gelegenheit für die Saxofonistin ihre Spielweise, ihren Stil zu präsentieren. Charlotte Greve bevorzugt lang gehaltene Töne, weniger quirlige Tonfolgen und agile Schleifen durch die Tonarten. Dafür bläst sie ihre Sequenzen mit einer intensiven, insistierenden Intonation. Das ist für ein Altsax ungewöhnlich und erinnert stärker an die Spielweise von Tenorsaxofonisten. Aber ja, das ist ihr Alleinstellungsmerkmal, ihr Brand. Nur davon gab es viel zu wenige Kostproben.
Konzertbericht vom 25.08.2023



