Davide Incorvaia & JOHANNES BARTHELMES Band 31.01.25 Schlot


Davide Incorvaia & JOHANNES BARTHELMES Band 31.01.25 Schlot


Davide Incorvaia (IT): piano
Johannes Barthelmes (DE): saxes
Luca Curcio (IT) : bass
Ivars Arutyunyan (LT): drums


TRANES TREE

Das Quartett bleibt bei der Musik von John Coltrane. Gut so! Der Titel ist zwar keine Komposition der stilprägenden Tenorsax-Legende, sondern ist ein vielschichtiges Werk von Johannes Barthelmes. Ist es bei Trane eine starke religiöse Komponente, die in seiner Musik zum Tragen gelangt, so kommt bei Johannes Barthelmes Bewunderung, Verehrung und Würdigung des Meisters hervorragend in den Fokus. So klingt Trane Tree gleichermaßen nach Hymne mit spirituellen Pathos wie nach tiefgreifender elegischer Ballade, aber auch nach energiegeladenem Ausbrechen aus der harmonischen Tonalität in die Freiheit des Free Jazz. Das alles ist mit vielen Nuancen und Zwischentöne in Tranes Tree enthalten.


Die Band fällt nach einer kurzen Vorstellungsphase des Saxofons ein, schafft den musikalischen Raum mit viel Energie und Passion. In diesen kompakten Sound bläst der Tenorist seine Ideen, Figuren und eruptiven Salven. Johannes Barthelmes kann als legitimer Erbe der großen – frei aufspielenden - Tenorsaxofonisten im Jazz gelten. Sein erstes Solo findet im Duo mit dem vorzüglich trommelten Man an den Drums statt. Mehr Eruption, Emotionalität und Expressivität ist schwer vorstellbar. Ivars Arutyunyan schlägt sich kongenial an die fliegenden Sequenzen des Tenors heran, treibt sie fulminant schlagend bis zur Ekstase. Dermaßen animiert können sich die Jungs vom Rhythmus diesem gewaltigen Sog nicht entziehen, spielen sich entfesselnd in die Weiten des Kosmos.


Davide Incorvaia macht mit seinem Solo musikalisch dort weiter, wo das Sax seine letzten Salven hainausschleuderte. Auch seine kraftvollen Tastenanschläge, die er dem Flügel entreißt, haben den Charakter von Befreiungsschlägen. Weitere Soli reihum vervollständigen den Titel stilistisch in jeglicher Couleur. Jetzt ist es Luca Curcio, der mit teils geschlagenen Akkorden seinem Bass ungewohnte Klänge entlockt. Dann kann Drummer Ivars Arutyunyan mit seinem leidenschaftlichen wie überfälligem Solo kundtun, was an Kraft wie Energie in seinen wirbelnden, federnden und schlagenden Stöcken steckt, um den Titel erneut hoch- und voran zu putschen - Tranes Tree at the Best.


Danach muss die Pause das begeisterte wie entrückte Publikum wieder erdigen.



2. Set

„The Creator Has a Masterplan“

Dieser Titel von Pharoah Sanders leitet über in den 2. Set, belebt wieder das Publikum. Mit coltranesken Klängen endete der 1. Set und mit Sequenzen, die zwar nicht unmittelbar an Coltrane erinnern, aber in ihrer harmonisch-melodischen Stringenz eine gemeinsame Affinität haben, startet die 2. Hälfte.


Bassist Luca Curcio verwendet die eindringliche, verführende Ostinato-Figur des Titels, um das Stück rhythmisch zu prägen. Das ist eine Steilvorlage für das Tenorsaxofon, das sogleich zu spielen anfängt. Aber nicht wild energetisch und unbändig, sondern melodisch die Harmonien des Titels behutsam auskostend, dabei mit vollem Volumen tiefe Lagen bevorzugend. Die Drums von Ivars Arutyunyan unterstützen das Vorhaben mittels raffinierter Schläge, teils mit der einen Hand die Besen rührend, teils mit der anderen Hand die Klöppel in Sinn von Paukenschlägen dezent traktierend. Eine sehr originelle Art des „händisch geteilten“ Trommelns, das zu melodischen Effekten führt, dem eingängigen Motiv der Titelmelodie gerecht wird.


„Space is the Place“

Dieses Stück kommt zunächst anders daher als die vorherigen. Davide Incorvaia legt Piano-Akkorde vor. Die sensiblen Anschläge oszillieren zwischen Klassik, Neuer Musik und Contemporary Jazz. Der Rhythmus fällt ein, dann produziert das Piano-Jazz-Trio peu à peu einen durchaus fetzigen Sound. Ein Duo zwischen Luca Curcio und Ivars Arutyunyan nimmt sogleich gefangen. Das Spiel der beiden Protagonisten von Bass & Drums ist eng verzahnt, sie sind miteinander sehr vertraut, was auch das gute Gelingen – die erfolgreiche Premiere - im Quartett erst ermöglicht. Das Duo ist kaum zuende und schon schmetternd das Tenorsax seine eruptiven Schleifen in den Titel. Der Mann am Tenor ist nicht zu zähmen, bläst seine emotionalen wie freien Explosionen in den Sound, animiert die Band mitzumachen, was sie auch sich austobend tun.



 


„Wise Ohne“

Die Stille hörbar machen: Verhaltene Piano-Akkorde tupfen in den Raum, dezente Drums, die nur touchiert werden und sparsame Figuren des Basses bereiten den zarten rhythmischen Boden für die Exkursionen des Tenorsaxofons vor, die den John Coltrane Titel huldigen. Hymnisch - sogar mit Pathos - bewegen sich die Tonfolgen des Saxofons. Das Piano weist in die harmonische Richtung, in der sich der Song entwickeln wird. Das Tenor nimmt das auf, zelebriert die Erzählung. Ein Solo des Basses ist für den Charakter der Komposition unverzichtbar. Luca Curcio begleitet sich, indem er die gespielten Linien seines Basses unisono singend verstärkt wie ergänzt – ein balladenhaftes Duo mit sich selbst. In diese epischen Klangwelten malt das Tenor seine Linien, Figuren und Sequenzen, verleiht „Wize One“ erneut diesen hymnischen Tonfall, macht die Stille hörbar.



KALIMERA (Johannes Barthelmes)

Es tönt nach Nahost, zumindest nach dem lange vom Orient beeinflusstem Griechenland. Mit einem „Guten Morgen“ begrüßt der Titel sein Publikum, den Jazzabend leicht ironisierend. Ja, Drums, Bass und Piano tun alles, damit der Titel rhythmisch abräumt, der die musikalische Grenze zwischen Okzident und Orient thematisiert. Jetzt ist der Song jedoch im globalen Jazz angekommen – irgendwo zwischen harmonisch tradierter Form und unbändigem Freiheitsdrang. Was passt da besser als ein Solo des Schlagzeugers? Ivars Arutyunyan versieht sein Trommeln mit originellen Komponenten, indem er intensiv auf die Ränder seiner Drums haut. Dann kommt das volle jazzklassiche Repertoire zum Einsatz: Wirbel, Breaks, Salven, Kaskaden, fast alles auf einmal, virtuos geschlagen – ein individuelles Solo, das Ivars Arutyunyan stark melodisch prägt - „Kalispèra“.


Es gibt noch 2 weitere Titel. Das „Konzert der verlorenen Söhne“ und den Standard „Soul Eyes“ von Mal Waldron. Beide Kompositionen haben die zuvor beschriebene Qualität, zeichnen sich durch den spezifischen Sound aus, den das Quartett von Davide Incorvaia & Johannes Barthelmes mit Unterstützung der beiden “Newcomer“ Luca Curcio & Ivars Arutyunyan souverän auf die Bühne des Schlots gezaubert haben.




Konzertbericht vom 25.08.2023