JAZZFEST BERLIN The Creative Music Universe of Henry Threadgill: Zooid meets Potsa Lotsa XL 04.11.2023 Haus der Berliner Festspiele

Keine klassische Big Band, aber ein Quartett (Henry Threadgill) trifft auf ein Tentett (Silke Eberhard) und das macht zusammen 15 Köpfe, die ein musikalisches Projekt realisieren wollen. Zugrunde liegt eine beauftragte Komposition des Jazzfestes an Henry Threadgill, die hier ihre Uraufführung erlebt. Hinein ins Spektakel.
Nach wenigen Takten des Vorspiels, welches das Vibrafon einleiten darf, kommen die Instrumente hinzu, die sich eher für die rhythmischen Komponenten der Musik zuständig fühlen: Die Bass-Abteilung ist mit Kontrabass und Tuba gleich 2-mal vertreten, ebenso verhält es sich mit den Drums und den Celli. Na gut, auch das Altsaxofon ist mit Silke Eberhard und Henry Threadgill doppelt besetzt. Ein längeres Solo der Gitarre startet sogleich, nachdem die Jungs vom Rhythmus (im weitesten Sinn) die „Arbeit“ aufgenommen haben. Das ist ein akzentuierter, raffinierter Rhythmus, der weder geradlinig durchläuft, noch einen tradierten Grove ausdrückt. Bass wie Tuba spielen besonders tiefe Lagen, nicht unisono, sondern eher gegentaktig, was zu Beginn - wegen fehlender Hörgewohnheiten - etwas verstörend wirken kann. Der Sound, der sich breit macht, hat einen sperrigen, rumpelten Drive, der zum Trotz oder gerade durchaus fasziniert. No Funk, aber auch kein Swing im weitesten Sinn, stattdessen subtil wirkende schräge Beats
.
Darüber kann das Altsax von Silke Eberhard ihre solistischen Ideen und Figuren legen, was sie passend zur Komposition in gewohnter Manier auch tut. Das 2. Schlagzeug kommt hinzu, ein Thema stellt sich kurz vor, um dann dem Cello von Christopher Hoffman den Vortritt zu lassen. Das Mitglied von Zooid streicht keine klassischen warmen Linien, sondern bevorzugt eigenwillige Motive, die er bewusst spröde intoniert. Ebenfalls reizvoll ist der klangliche Gegensatz zwischen den wuchtigen, besonders tiefen Tönen der Tuba mit den kristallierenden Klangmustern des perlenden Vibrafons von Taiko Saito, die sie im Duo mit José Davila erspielt. Schon jetzt erkennbar, dass die Komposition allen Mitgliedern viel Raum für die individuelle Entfaltung lässt.
Mittlerweile ist mit Kay Lübcke auch ein 2. Drummer dabei, der sich jedoch erstmals perkussiv betätigt, leichte Latin-Rhythmen anschlägt. Jetzt knallt die Big Band (Arbeitstitel) mit geballt Wucht wie Kraft zu, lässt mit viel Holz und weniger Blech den Raum erzittern. Nur kurz, denn schon ist es an den beiden Drummern, das Thema mit großen, klassischen Konzerttrommeln zu bearbeiten, sie mit Klöppeln wie Stöcken anzuschlagen. Dazu gesellen sich Piano wie Bläser, die zusammen mit dem Cello-Support, das Thema anzuheizen. Besonders dringen die Klarinetten mit ihre schnellen, hochlagigen Tonfolgen hervor, während die Tuba einen satten Gegenpol setzt. Ein verhakter Rhythmus ist zu vernehmen, der nicht von durchlaufenden Beats geprägt ist, sondern von kompositorisch bedingten Pausen und Intervallen. Überwiegend scheint es sich um ungerade Takte (5/8, 7/8) zu handeln, die im Wechsel mit geraden stehen. Näheres dürfte aus der Partitur zu erfahren sein, die jedoch weder Autor noch Publikum bekannt ist. Sei´s drum.
In diesen zerklüfteten Gruppen-Sound schmettern Trompete und Posaune ihre so einsamen wie souveränen Soli, die dann durch Linien und Motiven des Altsaxofons von Henry Threadgill abgelöst werden. Der hält sich mit seinem Solo zurück, spielt relativ wenige Figuren, so gut wie keine freien Ausbrüche. Das ist eine bewusste Zurückhaltung des Altmeister, der es nicht nötig hat, hier virtuos aufzutrumpfen, sondern es allen Mitgestaltern seines Projektes überlässt, seine Komposition optimal zu realisieren, ihren Freiraum solistisch zu nutzen. Von Henry Threadgill ist das ebenso bescheiden wie klug, kommt beim Publikum hervorragend an.
Bei der Vielzahl der ausgezeichneten Soli ist es unmöglich, alle treffend zu beschreiben. Ein besonders beeindruckendes Soli sei noch erwähnt: das von Jürgen Kupke, der mit seiner hoch jubilierenden Klarinette, sich die Seele aus dem Leib spielt - zur Freude des tobenden Publikums.
Zooid
Henry Threadgill – Altsaxofon, Flöte, Bassflöte, Komposition
Liberty Ellman – Akustik-Gitarre
Christopher Hoffman – Cello
José Davila – Tuba, Posaune
Elliot Humberto Kavee – Schlagzeug, Perkussion
Potsa Lotsa XL
Silke Eberhard – Altsaxofon
Jürgen Kupke – Klarinette
Patrick Braun – Tenorsaxofon, Klarinette
Nikolaus Neuser – Trompete
Gerhard Gschlößl – Posaune
Johannes Fink – Cello
Taiko Saito – Vibrafon
Antonis Anissegos – Klavier
Igor Spallati – Kontrabass
Kay Lübke – Schlagzeug
Silke Lange – Dirigentin
Autor Cosmo Scharmer