Jazzfest Berlin 2026 Anthony Braxton Septet 29.10.26

Jazzfest Berlin 2026 - Donnerstag 29.10.2026
EROSÃO PERCUSSION TRIO //Anthony Braxton Septet // Alexander Hawkins Willow Music
Anthony Braxton Septet
Nach Henry Theadgill kommt mit Anthony Braxton ein weiteres Gründungsmitglied der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) zum Jazzfest. Nun, die AACM ist ebenso Legende wie der Altvordere Anthony Braxton. Bei lebenden Legenden ist die Spannung auf ihr aktuelles Wirken besonders groß.
Anthony Braxton Septett
Anthony Braxton – Saxofon
James Fei – Saxofon
Anna Webber – Tenorsaxofon
Silke Eberhard – Altsaxofon
Fanny Méteier – Tuba
Berlinde Deman – Tuba
Matthew Bookert – Tuba
Das Septett, das Anthony Braxton für das Jazzfest zusammenstellte ist ungewöhnlich besetzt. 3 Tuben treffen auf 3 Saxophone – 2 x Alt plus Tenor. Das klingt spannend. Nach der detaillierten Ansage, die sich als Laudatio für den Komponisten und Saxofonisten erweist, erobert das gender-streng paritätisch besetzte Septett die Bühne, lästt sich im Halbkreis nieder, gegenüber in der Mitte wird der Altmeister dirigieren.
Thematik versus Abfolge
Die folgenden Beschreibungen orientieren sich nicht an der szenischen Abfolge der Musik, sondern thematisieren einzelne Aspekt wie Elemente des Konzertes.
Relativ verhaltenen Klänge tasten sich vor, vorsichtig und umsichtig das akustische Gelände erprobend. Von den ersten Töne an zeigen sich die Spannungspole dieser Formation, springen sogleich ins Ohr wie Auge: die voluminösen Tuben bearbeiten die tiefen Lagen (klar), die hohen Alt-Saxofone wie auch das Tenorsax beackern die höheren Gefilde. Dieses Strukturprinzip wird während der gesamten Auftrittes beibehalten.
Die einzelnen Stücke/Titel oder Passagen sind besser als Szenen zu begreifen, die einen komponierten Rahmen bilden, aus dem heraus die einzelnen Stimmen ihre solistischen Aktivitäten „begehen“. Diese Szenen sind sehr strukturiert. Anthony Braxton dirigiert in einer sehr individuellen Weise. Wer wann solistisch improvisieren kann oder soll, ist nicht klar zu ersehen, zu hören schon, obwohl die anderen Stimmen ebenfalls ihre entweder tiefen, brummenden Intonationen (Tuben) oder ihre meist schrägen wie schrillen, mitunter quietschenden Tonfolgen (Saxofone) in den Raum blasen. Die Intensität, mit der das geschieht ist recht unterschiedlich. Das Tenorsaxofon ist als solistische Stimme und Klangfarbe schwer auszumachen, während Silke Eberhards Alto Sax deutlich aus dem Gruppenensemble der Saxofone im Wortsinn heraussticht.
Die Berliner Saxofonistin ist für diese freitönenden Sequenzen auch hervorragend geeignet. Betreibt sie doch als Cheifn ihres großen Ensembles „Potsa Lotsa“ einen Jazz, der neben einer breiten Palette von weiteren Stilistiken, auch eine freijazzige Artikulation frisch, frei und frank anbietet. So auch hier. Silke Eberhard übernimmt die Stimmführung hinsichtlich atonaler Exkursionen wie Eskapaden.
Wobei anzumerken ist, das auch die komponierten Teile stark in der atonalen Musik-Welt verhaftet sind. Demzufolge ist es nicht leicht, die komponierten Passagen mit den frei ausgestalten Teilen auszumachen. Das ist schon eine Herausforderung ans Publikum, das der Konzentration bedarf, das „aktives Zuhören“ (Lorenz Kellhuber) erfordert.
Noch herausfordernder als bei den Saxofonen ist es, die tieflagigen Tuben zu unterscheiden. Das liegt zum einen in der Eigenschaft der tiefen Frequenzen begründet, die schwerer als höhe Frequenzen zu selektieren sind, und zum anderen in der Komposition selbst, die solch verschachtelte Tonfolgen als notwendige Spanungspole gegenüber den agilen Saxofonen begreift. Nun ja, die einzelnen Tuba-Stimmen zu selektionieren bleibt ein anspruchsvolles Unterfangen, sofern Hörer und Hörerinnen dies überhaupt wollen.
Das Septett ist teils mit allen Mitwirkenden zu hören, teils ziehen sich einzelne Stimmen zurück, aber meist ist das ganze Ensemble aktiv. Tempo wie Lautstärke bleiben auf einem relativ gleichen Niveau ohne große Schwankungen. Auch die Intensität des Ausdrucks – von wenigen Soli abgesehen – bleibt auf einem moderaten Level, unabhängig der freitonalen Artikulation. Dadurch bleibt der musikalische Spanungsbogen gering. Die Dramaturgie der Abfolgen verzichtet auf dramatische wie verzögernde Akzente. Die präsentierte Musik hat dadurch mehr von einer epischen Beschreibung als von einer dramatischen Inszenierung. Hier sei eine subjektive Bewertung gestattet: Duch das Verzichten auf dramatische wie stärker expressive Elemente packt die Musik nicht emotional, nimmt den Autor nicht mit, leider.
Als Solist ist Anthony Braxton nur sehr knapp auf dem Sopransax zu hören. Hatte er bis kurz vor Schluss - noch tapfer stehend - dirigiert, so wurde er von Altist James Fei animiert, den Stuhl anzunehmen, sich zu setzen. Dann ist schon Schluss. Dem starken Applaus ist zu entnehmen, dass es dem Publikum gefiel. Zur Freiheit des Jazz gehört auch die Freiheit des Nicht-Gefallens oder eben des Gefallens.



