Jazzfest Berlin 2026 Globe Unity Orchestra 01.11.26


Jazzfest Berlin 2026 Globe Unity Orchestra 01.11.26


Sonntag 01.11.2026 - Graewe / Jones / Drake // ganavya // Globe Unity Orchestra
Konzert 21:20 - Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne

 

Globe Unity Orchestra – 60 Years: Apokalyptische Nabelschau 


Ankündigung Jazzfest (redaktionell leicht gekürzt)
„Der Pianist Alexander von Schlippenbach blickt auf eine glorreiche Geschichte mit dem Jazzfest Berlin zurück … im Jahr 1966 beauftragte Joachim-Ernst Berendt, der erste künstlerische Leiter des damals noch unter dem Namen Berliner Jazztage laufenden Festivals, Alexander von Schlippenbach eine mehrköpfige Improvisationsgruppe zu gründen, was zur Gründung des Globe Unity Orchestra führte. 


Seitdem versucht das Ensemble auf immer neue Weisen, das Unbeschreibliche in die Tat umzusetzen – die schwer fassbare Kreativität der freien Improvisation. Der Pianist hat immer wieder Musiker*innen aus aller Welt um sich geschart, die sein Streben nach einer Choreografie der Spontaneität teilen


Die Besetzung für diesen seltenen Anlass ist etwas ganz Besonderes, denn sie umfasst drei Musiker, die bereits seit den 1970er-Jahren in der Gruppe mitwirken: Saxofonist Evan Parker, Schlagzeuger Paul Lytton und Posaunist George Lewis … Natürlich sind auch einige der jüngeren Mitglieder des Ensembles, wie Bassklarinettist Rudi Mahall und Trompeter Axel Dörner, nach wie vor fester Bestandteil des Globe Unity Orchestra. 


Und zum ersten Mal in der Geschichte der Band wird Schlippenbach am Klavier von der großartigen Aki Takase begleitet, mit der zusammen er vierhändig spielen wird.“


Manfred Schoof
Zu ergänzen ist, dass neben den drei Altvorderen aus den 70-Zigern, auch noch Trompeter und Gründungsmitglied Manfred Schoof dabei sein konnte, der - wie Alexander von Schlippenbach nach dem Konzert erklärt – „sein langjährigster Wegbegleiter sei“.


Die Bühnenpräsentation
Die Notenpulte sind im Halbkreis aufgebaut. Auf halber Strecke befinden sich 2 Schlagzeuge, aber im Mittelpunkt des Halbkreise thront ein gewaltiger Konzertflügel, den Alexander von Schlippenbach und Aki Takase pianistisch bearbeiten, damit das Orchester leiten werden. Diese Anordnung ist beindruckend. Nach der Ansage durch Nadin Deventer erkämpfen sich die Mitglieder des Orchesters ihre Plätze. Allen voran Evan Parker, dann folgen unter Applaus die anderen. Hinein ins Konzert, hinein ins Spektakel.


Line-up
Alexander von Schlippenbach – Klavier, Komposition, Leitung
Aki Takase – Klavier
Evan Parker – Sopran- und Tenorsaxofon
Daniel Erdmann – Tenorsaxofon
Henrik Walsdorff – Altsaxofon
Rudi Mahall – Klarinette, Bassklarinette
Tomasz Dąbrowski – Trompete
Kasper Tranberg – Trompete
Axel Dörner – Trompete
George Lewis – Posaune
Christof Thewes – Posaune
Gerhard Gschlößl – Posaune
Antonio Borghini – Kontrabass
Paul Lytton – Schlagzeug
Dag Magnus Narvesen – Schlagzeug

 

Einstimmung

Es beginnt ziemlich moderat mit leichter Einstimmung, ein diskretes Piano legt vor, nach und nach fallen die anderen Stimmen ein. Langsam geradezu bedächtig entwickelt sich die Themen, die ersten Rahmen, aus denen sich dann die frei tönenden Improvisationen herausschälen werden.


Das 1. Solo gehört George Lewis, der auf seiner Posaune schon eine Ausdruck vermittelt, was da noch kommen mag. Seien Kollegen unterstützen sein Solo durch Stillhalten, die andern mit wenigen Einsprengseln, nur kurzen Sequenzen, durch knappe Fragmente. Die Zurückhaltung ändert sich du es sind die ersten kollektiven Improvisationen zu hören. Solistisch macht Evan Parker auf dem Sopransaxofon weiter, dessen Linien und  Figuren in seinem bekanntem Free-Jazz-Stil tönen: schrill, schräg, quietschend, eruptiv.


Dramaturgie I – Abfolge der Szenen
Die Dramaturgie lässt folgendes Muster erkennen: einzelne Solisten spielen sich in den Fokus, wobei die meisten nach vorne gehen, andere erheben scich von den Plätzen, schleudern von dort ihre Sequenzen in den Raum. Das Orchester „begleitet“ entweder dezent oder in einzelne Passagen auch mit geballter Kraft. Dieses Vorgehen verstärkt die Ahnung auf das, was da noch kommen mag. Alexander von Schlippenbach hat diese Spanungskurve hinsichtlich Komposition wie Dramaturgie gut konzipiert, geschickt „eingefädelt“. So wächst Spannung.


Die Solisten
Die Solisten haben jetzt reihum Gelegenheit ihre Erfahrungen, ihre Ideen, ihren individuellen Stil zu demonstrieren, was sie  auch höchst individuell tun. Da sind deutliche Interschiede in der Stilistik der einzelnen Protagonisten zu entdecken. Nichtsdestotrotz ist es nicht möglich allen Soli und den wichtigsten kollektiven Improvisationen im Bericht gerecht zu werden. Etwas willkürlich wären das Solo von Rudi Mahall zu erwähnen, dessen Bassklarinette mit der warmen Klangfarbe aus den anderen Stimmen heraussticht. Die Trompeten – mit der Ausnahmen von Manfred Schoff, der sich in die Mitte begibt – bleiben die Trompeter auf ihren Plätzen. Sie scheinen auch so ein Art von „Satz-Soli“ zu bevorzugen, will sagen sie improvisieren frei und frank im Team, verschaffen sich bestens Gehör, dringen durch, selbst wenn das ganze Orchester aktiv ist, voll dröhnend zur Sache kommt. Tolle Solisten diese Trompeter: Tomasz Dąbrowski, Kasper Tranberg, Axel Dörner.


Duo als Intermezzo
Ein Solo, das zum Duo wird, hebt sich von den anderen ab. Daniel Erdmann fängt sein Solo auf dem Tenorsaxofon eher im moderaten, fast balladenhaften Stil an, steigert sich dann zu expressiven Tonfolgen, die auch mal frei ausfranzen können, aber er bevorzugt - im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen - einen Stil, der sich auch vor harmonischen Berührungen sich nicht scheut. Im Zusammenspiel mit der virtuosen Aki Takase am Flügel gibt es dann eine hervorragende Kostprobe von einer engen, langjährigen Zusammenarbeit. Und die klingt famos.


Dramaturgie II – dramatische Steigerung, Höhepunkt, Finale


Es deutete sich schon vorher an, wie die Spannung erzeugt und gesteigert werden kann. Jetzt kommt die Phase, in der Intensität wie Ausdruck sich dynamisch stark steigern. Die pianistische Leitung von Alexander von Schlippenbach und Aki Takase – auch eine Art Duo – steuert nun das Geschehen vom Piano aus. Es ist ein vierhändiges „Klavierstück“, was vorlegt, vorantreibt, Struktur gibt. Dazu schlägt Alexander von Schlippenbach Tieflage Akkorde, während Aki Takase die mittleren und hohen Lagen mit hämmernden, stakkatohaften Anschlägen bearbeitet – Pardon wird nicht gegeben. Das Orchester zieht nach, zieht blasend, zupfend wie trommelnd alle musikalischen Register. Es entwickelt sich ein frei-jazzendes Spektakel mit ekstatischen Explosionen, Salven, Eruptionen aller Involvierten.


Finale - das Beste zum Schluss
Auf dem Höhepunkt des Spektakel, verlässt Aki Takase ihr pianistisches „Steuerpult“, geht in die Mitte, übernimmt das Dirigieren. Das scheint auch notwendig zu sein, um den entfesselten Kräften und Energien, die die Musiker ohne Unterlass extensiv generieren, wieder Struktur und Richtung zu geben. Aki Takase macht das auf eine individuelle Weise, bringt das Globe Unity Orchestra zu Höchstleistungen, um dann wieder die Musik runterzukühlen, wieder Erdung zu ermöglichen, runterzukommen. „Aus, aus, aus, Globe Unity Orchestra ist Weltmeister“.


Mehr geht nicht. Tosender Applaus und Standing Ovation sind das Resultat dieses Konzerterlebnisses. Glücklich schätzen kann sich, wer bei diesem historischen (wohl auch letzten) Musik-Ereignis der Apokalyptischen Nabelschau dabei sein konnte.



Album Kosmos