JAZZFEST BERLIN „Apparitions“ - 02.11.2023 Haus der Berliner Festspiele

„Apparitions“ - Dramaturgie eines (jazz)musikalischen Singspiels mit Chor
In annähernd chronologischer Reihenfolge
Das Quartett Novembre legt mit extrem kurzen Themen los: nur angeblasen, angeschlagen, ein, zwei Takte lang, dann ist Pause, die jedoch länger dauert als die kurzen auftaktigen Phrasen. Das wiederholt sich einige Male, wirkt ganz originell, fängt aber langsam an, ermüdend zu wirken. Spielt doch mal etwas länger, möchte man zurufen. Das scheint zu wirken, denn die Szenerie ändert sich, die Türen zu Foyer werden geöffnet und einzelnen Tonfolgen schwappen in den großen Saal hinein. Mit viel Schlagzeug, kombiniert mit Tenorsax, scheint ein Gegenkonzert stattzufinden. Das Quartett hört sich die Attacke kurz an, zu sehen ist ja nichts, schließt die Türen, spielt einfach weiter - mir nix, dir nix. Ihre Musik sind nur kurze Einsprengsel von Themen, Motiven und Ideen, die stilistisch von leicht swingenden Passagen über quirligen Bebop bis zum ausgewachsenen Free Jazz reichen und viele Stile beinhalten, die dazwischen liegen. Das klingt durchaus überzeugend, wenn es nicht so verdammt kurz wäre. Aber so ist die Konzeption.
Nächste Überraschung. Wieder sind die Türen zum Foyer offen, diesmal auf der andern Seite und erneut sind Töne, Sequenzen und sogar Themen zu vernehmen. Da ist Gesang zu hören, da sind Streicher am Werke, die sich später als Cellistinnen entpuppen. Stilistisch klingt es vollkommen anders als die 1. Intervention, jetzt ist kammermusikalische Musik dabei, das Gegen-Konzert zum Quartett zu bilden. Dann ist gleich wieder Schluss.
Weitere Überraschungen sind angesagt. Im Saal, auf den Rängen, befinden sich zahlreiche Kinder, die jetzt an der Aufführung mitwirken. Zunächst mit kurzen Lauten und ein wenig Perkussion, dann mit dezenten Stimmen. Auf der Bühne ist mittlerweile ein anders Szenario zu sehen. Ein Trio namens Bribes aus Gesangsstimme, Drums und Tenorsax bildet eine Gegen-Combo. Beide Bands spielen, kämpfen um die akustische Vorherrschaft, mal sich ergänzend, mal konterkarierend. Als wäre das noch nicht genug haben sich die 3 Cellistinnen ebenfalls auf die Bühne begeben, geben ihre „klassischen“ Einlagen zum Besten. Es ist nicht möglich, alle Wechsel des Geschehens auf der Bühne - sei es musikalisch oder szenisch – zu beschreiben. Dafür sind es zu viele und zu kurzlebige.
In diesem „Kampf“ der jeweiligen Gruppierungen um Dominanz hinsichtlich Musik, Klangwelten und Stil, mischen sich zusätzlich die Kinder ein. Alle sind auf der Bühne, formieren sich zum Chor, fangen zu singen an. Die Jungen und Mädchen machen das Spektakel noch bunter und frischer als es ohnehin schon ist. „Sing es noch mal“ ist eins ihre Lieder auf Deutsch, auch vor Englisch und Französisch scheuen sie sich nicht. Der Chor unterstütz nun die Arien von Sängerin Linda Olah, wird selbst abwechselnd unterstützt von den sonoren, warmen Sequenzen der Celli und den beiden eigenwilligen Jazz-Combos, die kurzzeitig sogar zu „einer“ Band fusionieren.
Fazit: Im Konzert bildet das Aufeinandertreffen von 4 musikalischen „Komponenten“ (Quartett, Trio, Streicher, Chor), die teils separat ihren Beitrag leisten, teils in den verschiedensten Gruppierungen miteinander kommunizieren, ein höchst spannendes wie abwechslungsreiches Spektakel. Das Konzert, besser die verschiedenen Konzerte, gleichen einer dramaturgischen Inszenierung auf dem Theater: ein (jazz)musikalisches Singspiel mit Chor. Gratulation für diese mehr als spektakuläre Dramaturgie.
Novembre
Romain Clerc-Renaud – Klavier, Komposition, Tasteninstrumente
Antonin-Tri Hoang – Saxofon, Komposition
Thibault Cellier – Kontrabass
Sylvain Darrifourcq – Schlagzeug
Bribes
Linda Olah – Gesang
Geoffroy Gesser – Saxofon
Francesco Pastacaldi – Schlagzeug
Gulrim Choi – Cello
Adèle Viret – Cello
Myrtille Hetzel – Cello
Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin
Kapellknaben des Staats- und Domchor Berlin
Gudrun Luise Gierszal, Eva Spaeth – Leitung
Sitali Dewan – Assistenz
Autor Cosmo Scharmer