JAZZFEST BERLIN Conny Bauer Trio 05.11.2023 Haus der Berliner Festspiele

Der Posaunist erhielt zuvor den Albert-Mangelsdorff-Preis für sein Lebenswerk und erfährt eine Laudatio durch Bernd Nogly. Und schon legt das Trio los. Absolut präsent vom ersten Ton bis zur letzten Sequenz spielt Conny Bauer als hätte er nicht achtzig Jahre auf dem (nicht vorhandenem) Buckel, sondern achtzehn Lenze auf dem Haupt: jung, dynamisch, mit unbekümmerter Spielfreude bläst er seine Figuren ins Horn. Die reichen von energetischen Ausschweifungen ins Reich der tonalen Freiheit bis zu erzählten Balladen mit harmonischer wie auch melodischer Intonation. Diese Musik will sich im Sinne eines freien Jazz ungezügelt entfalten, die nur im weiten Rahmen sich kompositorisch festlegt und stattdessen die spontane Interaktion aller Beteiligten zum Credo erhebt.
Conny Bauer – Posaune
William Parker – Kontrabass
Hamid Drake – Schlagzeug
Wie setzen Free Jazzer diese Vorgaben um? Wer initiiert thematische und/oder rhythmische Wechsel? Bei einem Trio ist das leichter überschaubar als in größeren Formationen. Besonders wichtig scheint die Funktion des Schlagzeuges zu sein. Die Drums können durch ihre hohe Präsenz und Schlagkraft fast jede Änderung anregen, annehmen oder verhindern. Ebenfalls hat es die Posaune - durch den gewaltigen Klangcharakter sowie die Lautstärke - relativ einfach, mit wenigen voluminösen Tönen zu initiieren.
Das Konzert. Besonders eng ist das Zusammenspiel zwischen Conny Bauer und Hamid Drake. Hier ist kaum wahrzunehmen, wer führt, und wer folgt. Dieses gleichzeitigte führen und folgen hat was von der Logik des zoologischen Schwarms (Fische, Vögel), bei dem nicht ausgemacht werden kann, welches Mitglied des Schwarms für eine Änderung der Ausrichtung ausschlaggebend war. Diese Logik trifft auf das Spiel des Drummers mit der Posaune zu. Dass das so funktioniert liegt auch am Können, an der hohen Virtuosität der Musiker. Besonders der exzellente Hamid Drake zeichnet sich dadurch aus, dass er jede Sequenz seiner Kollegen aufnimmt und facettenreich „illustriert“.
Das Bass hat es dagegen schwerer initiativ durchzukommen, ist stärker auf die Aufmerksamkeit seiner Mitspieler und deren Breitschaft, seine Figuren aufzunehmen, angewiesen. Der Grund liegt in der Intonation der tiefen Saiten, die eben nicht diese akustische Präsenz und Durchschlagskraft aufweisen. Da hat William Parker das Glück des Tüchtigen, denn zum einem sind seine Mitstreiter höchst sensibel und zum anderen ist der Bassist ein solche Routinier, dass auch er seine Ideen vorlegen und durch stringente Beharrlichkeit auch umsetzen kann.
Fazit: Das Trio hat sich hervorragend zusammengetan, die ebenfalls wichtige menschliche Komponente ist vorhanden und last not least die Befähigung zum Team-Spieler ist da. Und so erspielt sich das Trio souverän verschiedene Jazz-Welten: Themen mit schnellen Tempi, moderate Figuren, balladenhafte Tonfolgen, expressive freie Ausbrüche. Ein ganzes Spektrum von zeitgemäßen Spielweisen im Free Jazz ist zu erleben. Zwar schon erwähnt, aber der Wiederholung wert. Es ist erstaunlich und beeindruckend, wie der Posaunist sein fast pausenloses Spielen mit solcher Frische und Leichtigkeit realisiert – die jung gebliebene Lebendigkeit des Jazzers Conny Bauer.
Autor Cosmo Scharmer