JAZZFEST BERLIN Eve Risser Red Desert Orchestra: „Eurythmia“ 05.11.2023 Haus der Berliner Festspiele

Jetzt ist ein Rhythmus zu vernehmen, der offenkundig afrikanisch inspiriert ist. Vereinzelte Stimmen der Bläser machen sich Luft, aber das sind keine durcharrangierten Bläsersätze, sondern nur kurz angeblasene Sequenzen, kaum Riffs. Wechsel. Die Rhythmus-Fraktion macht Pause, überlässt dem Blech das Feld, das so was wie einen Choral anstimmt. Dazu säuseln die Saxofone (Bariton, Tenor, Alt), blasen ihre typischen Schleifen, in die das Blech von Posaune und Trompete spitze Schreie stoßen. Da das noch nicht reicht, gesellt sich ein quietschendes Sax dazu. Diese Inszenierung findet noch ohne die Unterstützung afrikanischer Trommeln und Balafons (eine Art Marimba) statt. Der Sound wird schneller, energischer, auch lauter; frei intonierte Tonfolgen ploppen in den Raum.
Waren zuvor Bläser und Rhythmus voneinander separiert, so kommen beide „Fraktionen“ zusammen. Das entstehende Spektakel wird durch die melodisch geschlagenen Balafons kräftig unterstützt, der E-Bass brummt dazu, die Drums halten einfach den Rhythmus. In diese nun dichter gestrickten Klänge schmettert die Trompete von Susana Santos Silva ihre metallenen Sequenzen, heiß wie schneidend, mit jubilierenden Trillern gespickt. Davon unbeeindruckt verbleibt der Rhythmus, ändert sich nicht, geradezu stur wird am durchgehenden Beat festgehalten. Der Sound hat sich weiter verdichtet, aber mit wenig Variationen.
Nächster Akt: Chor. Die afrikanischen Ladies machen mit vokalistischen Rufen auf sich aufmerksam, initiieren die nächste Phase des Konzertes. Die Saxofone blasen einfache Riffs, die Blechinstrumente knallen ihr Soli ins Thema, dann wechseln sie in einen stillen Hintergrund, wirken als dezent begleitender Chor, um dem Baritonsaxofon, die solistische Bühne zu überlassen. Grégoire Tirtiaux spielt expressive Bögen, schleudert gewaltige eruptive Salven aus seinem Horn. Währenddessen verstärken die übrigen Bläser die choralartigen Klänge, der Sound schwillt an, ein Thema schält sich heraus. Die Musik mündet in einer weitgefächerten orchestralen Klanglandschaft, hat was Verdichtung, Thema und Charakter ausmacht, wohl ihren Höhepunkt gefunden.
Der bisherige Rhythmus wechselt erneut in einen leichten Funk, den der Bass mit einfacher Ostinato-Figur und der Drummer mit stoischem Time Keeping prägt. Die anderen Instrumente erzeugen wieder diese kompakte Stimmung im Hintergrund, in die der Posaunist sein Solo bläst. Das sind intensive Linien, die sich zu expressiven wie freien Improvisationen steigern, das sind die schmetternden Fanfaren einer tonal berstenden Metropole, die der Berliner Matthias Müller Sound und Publikum verpasst. Während dieser akustischen Explosionen ändert sich der Rhythmus nicht, läuft einfach durch.
Das wäre jetzt die Gelegenheit für die Chefin Eve Risser zu zeigen, das auch das Piano mehr als nur über dezent begleitende Akkorde verfügt. Was zu hören ist, ist zwar mehr als ihr großes Vorbild Carla Bley in ihren Konzerten solistisch je zeigte, aber Soli, die aus dem Piano ein Universum an Klängen herausholen, sind ihre Sache nicht. Falls doch, so verbirgt es Eve Risser hier. Muss auch nicht sein, wenn sie sich primär als Komponistin und Arrangeurin definiert. Und diesbezüglich hat sie ihre Sache vortrefflich gemacht.
Eve Risser – Komposition, Klavier
Antonin-Trio Hoang – Altsaxofon, analoger Synthesizer
Sakina Abdou – Tenorsaxofon
Grégoire Tirtiaux – Baritonsaxofon, Qarqabas
Susana Santos Silva – Trompete
Matthias Müller – Posaune
Tatiana Paris – E-Gitarre
Ophélia Hié – Balafon
Mélissa Hié – Balafon, Djembé
David Merlo – E-Bass
Oumarou Bambara – Djembé, Bara
Emmanuel Scarpa – Schlagzeug

Autor Cosmo Scharmer