JOHANNES BARTHELMES QUARTETT 18.01.25 b-flat


Der 2. Set beginnt mit einigen Kompositionen von Hannibal Marvin Peterson.


ANNABELLE LEE

Ein markantes Piano-Motiv, das Davide mittels lässiger wie kräftiger Akkorde eingeführt. Die linke Hand führt harmonisch ins Thema ein, hält es am Laufen, Bass und Drums sind mit gefälligen Latin-Beats zu vernehmen. Das geht so eine ganze Weile, wirkt aber in keiner Weise langweilig, da es den rhythmischen Charme von Latin versprüht. Dann lässt sich das Titelthema hören und zwar in Form eines metallischen Horns von Überraschungsgast Paul Schwingenschlögel. Jetzt spielen Trompete und Saxofon unisono die Erkennungsmelodie von Annabelle Lee, einer schönen Komposition des großen Trompeters Hannibal Marvin Peterson. Dann ist es an Paul Schwingenschlögel zu zeigen, das dem Titel und Sound nur noch die schmetternden Töne eines schneidenden Blechs fehlen. Das wird mit seinem Solo passioniert nachgeholt und zu hören ist eben der metallische Klang der Trompete, der den Song im Sinne der Komposition verstärkt wie abrundet. Desbezüglich macht das pianistische Solo von Davide weiter, erzeugt kräftige Sequenzen in modaler Spielweise, aus denen seine Verehrung von McCoy Tyner nicht zu verhehlen ist. Unterdessen zeigt der Rhythmus seine Klasse – Piano, Bass wie Schlagzeug geben dem Titel jene spritzige Lebendigkeit, die ein Piano-Jazz-Trio auszeichnen.


MANDELAS DREAM

Auch für Mandelas Dream zeichnet Hannibal Marvin Peterson verantwortlich. Verhaltene Klänge auf dem leisen Sopransax: wenige Tonfolgen, das Thema ist vorsichtig zu erahnen, Einführung und Hinwendung zum Song, selbstredend mit den spezifischen, unkonventionellen Schlenkern von Johannes. Die Band fällt ein, spielt einen akzentuierten Rhythmus, über den das Sopran seine Eruptionen schleudert. Kurzes Anspielen der Melodie durch die Trompete, dann fällt auch das Sax ins Thema ein, das jetzt unisono präsentiert wird. Da auch dieser Titel von Hannibal Marvin Peterson stammt, ist es fast obligatorisch, dass Paul Schwingenschlögel die Gelegenheit ergreift, in seinem Solo zu zeigen, was an Ideen, Figuren und Motive alles in seinem Blech steckt und nur drauf wartet im Hier und Jetzt des b-flats wachgeküsst, wachgeblasen zu werden. Das tut er mit Passion.




THEMBI

Was für die bisherigen Titel gilt, kann auch für den Song von Pharoah Sanders gelten: ein expressiv geblasenes Saxofon (hier Sopran), das neben dem Thema intensive Improvisationen en Detail entwickelt. Voraussetzung dafür ist die rhythmische Basis, die souverän vom „Piano-Trio“ generiert wird.


NAIMA

Zurück zum Tenorsax. Naima, eine mehr als gefällige, vielleicht die melodischste der Coltrane-Balladen, zumindest eine erfolgreiche Komposition, die von vielen Jazzern mit „Inbrunst“ gespielt wird. So zelebriert auch Johannes Barthelmes die Geschichte der Naima, erzählt sie mit Anmut wie Verehrung, dementsprechend sind auch die Klänge seines Tenors, die sensibel sich Gehör verschaffen. Der Titel ist auch trefflich geeignet für ein solistisches Piano, das Davide passend spielt und natürlich für den Bass. Keine Ballade ohne ein Solo des singenden, holzwarm tönenden Kontrabasses. Ben Lehmann zeigt, wie ein balladeskes Solo von Naima klingen kann, um den „Spirit“ der Erzählung zu würdigen.


CHIM CHEREE

Der Walzer ist die erste, die obligatorische Zugabe. Ein Klassiker zwar, eher kein Jazz-Standard, sondern ein „Evergreen“ aus der Welt des Musicals (Mary Poppins). Der Song enthält eine einprägsame Melodie und – das ist wohl sein Geheimnis – hat einen fetzigen drei-taktigen Rhythmus, ein flotter Walzer. So wie John Coltranes legendäre Interpretation des Walzers „My Favorite Things“ ist CHIM CHEREE ein Titel, der gut ins Repertoire des Quartetts passt, als eine Art Rausschmeißer-Song wirkt.


KALIMERA

Ähnliches kann von der Eigenkomposition KALIMERA gesagt werden. Es ist die erkämpfte, erklatschte 2. Zugabe. Rhythmisch raffiniert treibt der Titel unablässig voran. Das melodische Titelthema des Songs enthält einen Hauch von griechischer (wenn nicht orientalischer) Folklore, packt jazzig den Hörer, macht Lust am (nicht nur musikalischen) Entdecken des Landes. Derart macht das Quartett - jetzt zu später Stunde im b-flat - aus dem „Guten Morgen“ des Kalimèra ein „Kalispèra“ und entlässt dann das Publikum zufrieden in die Berliner Nacht – „Kalinìkta“.

Konzertbericht vom 25.08.2023