Jonas Timm Septett im Schlot


Jonas Timm - piano

Lorenz Heigenhuber - double bass

Diego Piñera - drums

Bertram Burkert - guitar

Tino Derado – accordion

Johannes Lauer – trombone

Robin Gerke - perssusion


Ein Septett ist nicht alle Tage zu sehen und zu hören, schon gar nicht in dieser ungewöhnlichen Besetzung. Dass die Band stark latin inspiriert ist, so eine Art jazzigen Salsa oder Salza-Jazz spielt, ist ebenfalls nicht zu ahnen. Elf neue, spanisch klingende Titel aus der analogen oder digitalen Feder des Pianisten Jonas Timm treten an, um dem Publikum im nasskalten Berlin richtig einzuheizen. Der Aufbau der Titel folgt einer ähnlichen Abfolge. Kurze Einstimmung von Piano und Akkordeon, dann eine kurze Sequenz einer unisono gespielte Melodie, um dann der Gitarre und der Posaune Soli zu ermöglichen. Der Rhythmus ist durch und durch Latin, mal stärker markant akzentuiert mit ordentlich Schlagkraft, mal stärker diskret zurückhaltend, dafür mit subtiler Wirkung. Zur Verstärkung gibt es dann noch die Perkussion von Robin Gerke, die oft für den Gruppen-Sound nicht wirklich zwingend ist, hier aber durchaus eine sinnvolle Ergänzung darstellt. Jonas Timm bevorzugt in seinem Spiel kräftig gehämmerte Akkorde, die minimalistisch variieren. Dadurch prägt und unterstützter er die rhythmischen Komponenten der Musik stärker als durch solistische Höhenflüge. Das sanft klingende, kaum fauchende Akkordeon von Tino Derado (im Hauptjob ebenfalls Pianist) führt das Pianospiel ergänzend weiter oder setzt seine Linien mal konträr zum Thema, aber stets versöhnlich klingend, was zum Tagträumen.


Fetzige Songs - Charakteristische Titel

El nombre de las nuves, La reyna sin fronteras, Trabajamos, El Marido, Narziss


La reyna sin fronteras

Abfolge: Perkussion & Drums legen vor, gerader durchlaufender Beat, etwas sperrige Pianoanschläge, Themenvorstellung, solistischer Ausbau durch das Akkordeon, das Thema nimmt Fahrt auf, es geht los. Der durchtriebene Rhythmus wird gefälliger, hat aber noch spitze Kanten, die zum kräftigen Schlagen animieren, was Diego Piñera mit hörbarer Lust und Laune tut. Zu diesen Sound gesellt sich jetzt die Posaune von Johannes Lauer mit einem längeren Solo: tiefe Lagen, volles Rohr und viel Energie strömt aus seinem Blech in den schrägen Latin-Sound. Die Riff-Anschläge des Pianos sind jetzt Salsa pur. Bevor der Songs austrudelt, treffen sich Posaune und Akkordeon zu unisono gespielten Linien.

Trabajamos

Kein Zweifel, sie arbeiten, wenn das Spielen arbeiten ist. Die Stimmführung des Akkordeons ist akzentuiert, die Band bevorzugt riffartige Figuren, die kurz und knapp sich wiederholen. Die Schläge der Drums kommen jetzt feinfühlig, sind dezent und leise zu hören. Dagegen spielt das Piano frisch und frech auf, ein paar Ideen, einige Figuren ausprobierend. Thema und Rhythmus zusammen erzeugen einen Stimmungs-Song, fast tanzbar, aber auf jeden Fall vorwärtstreibend. Das verleitet den Bassisten Lorenz Heigenhuber zum korrespondierenden Solo, leichte Hilfe erhält er von Gitarre sowie Akkordeon. Sein Solo geht unmerklich in eine Walking Bass-Figur über. Klangliche Tupfer des Blasebalgs, Salsa-Akkorde des Flügels verstärken diesen Latin-Beat, den Diego Piñera gegen Ende erbarmungslos auseinanderhaut. Diese Lust am Verstören zeigte er schon beim Auftakter (El nombre...), den der vorzügliche Drummer mit knallenden, harten wie lauten Aufschlägen zum Besten gab.


Latinisierte Balladen - Charakteristische Titel

M2 (Arbeitstitel), SM (Social Media), Maracatu, Black Narcissus


Maracatu ist eigentlich ein brasilianischer Tanz, der nichts mit Samba zu tun hat. Hier erfährt der Tanz eine musikalische Verwandlung in einen balladenhaften 

Titel. Aus dem frivolem Tanz wird so eine Ballada Latina. Diese Grundstimmung nimmt auch Bassist Lorenz Heigenhuber auf, erhöht in seinem Solo die Tristesse  mit dunklen Farben. Bom Dia Melancholica.


Black Narcissus von Tenorsaxofonist Joe Henderson fällt etwas aus dem thematischen Rahmen der anderen Titel. Das liegt zum Teil an der Komposition, zum Teil am Arrangement, das Tino Derado dem Titel verpasst hat. Sein Akkordeon versprüht hier lange Sequenzen, erzählt mit ruhiger Klangfärbung eine Geschichte. Rhythmisch wie harmonisch und auch solistisch zeigt das Stück ein gelungen Balance der musikalischen Elemente. Der Stab zum Erzählen der Geschichte erhält Johannes Lauer, dessen Posaune die Story zu Ende bringt und da strandet der Schwarze Narziss an karibischen Stränden.


Fazit: Im Wesentlichen erzeugen alle 7 Musiker einen dichten, in sich stimmigen Sound, in dem die Klangfarbe nur einer Instrumentenstimme solistisch glänzen, darf. Dieses Privileg scheinen sich die akustische Gitarre und die Bass-Posaune gesichert zu haben. Aber das wäre alles nicht genug, wenn Bass, Piano, Akkordeon, Perkussion und die Drums nicht jenen akzentuierten Latin-Rhythmus generieren würden, der Jazzern direkt ins Blut und Jazzerinnen sofort in die Beine geht.

Autor: Cosmo Scharmer