Joshua Jaswon Octet in der Kunstfabrik Schlot – 29.06.2023

Anna Serierse – Gesang, Vokale
Marc Doffey – Tenor- und Sopran-Saxofon
Jan Kaiser – Trompete und Flügelhorn
Andrej Ugoljew – Posaune
Johannes Mann – Gitarre
Sidney Werner – Kontrabass
Aarón Castrillo – Schlagzeug
Joshua Jaswon – Alt- und Sopran-Saxofon, Komposition & Arrangement
Das Risiko, sich eine unbekannte Band in Berlin anzuhören bleib sehr klein, denn wer auf der Bühne in einem der renommierten Clubs dieser Stadt steht, der hat so viel Qualität, dass der Besucher selten enttäuscht wird. So auch beim Konzert des Joshua Jaswon Oktetts im Schlot. Keine Enttäuschung, stattdessen ein freudiges Erlebnis. Gleich welche stilistische Sprache die einzelnen Titel aufwiesen, eines hatten sie gemeinsam: die fein abgestimmte Dramaturgie von Thema und ihrer musikalischen Entwicklung in den klug arrangierten Bläsersätzen und in den Soli der einzelnen Musiker sowie der Sängern. Das ist zeitgenössischer Jazz einer Big Band „Light“, der von den Kompositionen über die raffinierten Arrangements bis hin zu den solistischen Darbietungen voll überzeugte. Besonders die ausgezeichnete Integration der menschlichen Gesangstimme von Anna Serierse in die vielfältigen Bläsersätze war höchst gelungen.
Einige Titel im Detail
Der Auftakter. Harmonisch wie melodisch spielt die Band sich lässig warm. Anstelle des üblichen Pianos beim Septett/Oktett liefert die Gitarre Akkord um Akkord, bildet zusammen mit Bass und Drums das rhythmisch Rückgrat der Band. Das Tenorsax nimmt den thematischen Faden auf, gibt erste solistische Kostproben. Die Bläser greifen mit ihren Sätzen ein, haben mit der Stimme von Anna Serierse eine gleichberechtige Klangfarbe in ihrer Mitte. Neben einem cool swingenden Posaunen-Solo ist noch das agile, aber unaufgeregte Alto-Sax von Joshua Jaswon zu hören. Nochmal die griffigen Bläser, erneut das Anfangsmotiv und „Moris“ beendet die Phase des sich mit dem Ambiente-Vertraut-Machens. Hat geklappt.
Deception Island stell die Stimme der Sängerin/Vokalistin in den Fokus. Zunächst bereichern die Bläser mit harmonischen Melodiebögen den Song. Das Oktett wird zum Trio, verleitet den Gitarristin zum Solo. Die Musik ist eher cool als hot, mehr swingend als rockig. Dafür sorgt auch der federnde Beat des Drummers Aarón Castrillo. Der Gesang übernimmt, macht aus dem Thema einen Song, eine wohlklinge Ballade, die mit melodisch hoher Präzision samt viel Feingefühl vorgetragen wird. Das folgende Solo von Tenorist Marc Doffey führt den balladesken Charakter des Titels und des Gesanges fort, verbleibt in seinem ausführlichen Statement im melodischen Spektrum des Themas.
Dass es auch anders geht zeigt das nächste Stück. Rhythmisch akzentuiert mit einem Schlag Funk. Knappe, scharf angerissene Bläsersätze erhöhen Tempo und Intensität: ihre stakkatohaften Tonfolgen sind schmetternde Fanfaren. Dergleichen bläst Andrej Ugoljew mit seiner Posaune expressive Sequenzen in Raum und Thema. Der Bass wechselt von einer durchlaufenden Ostinato-Figur in einen schnellen Swing, der nochmal Tempo drauflegt. Da gibt es auch für das Altosax kein Halten mehr. Joshua Jaswon bläst seine Linien, schraubt sich höher und lässt in seinem Solo hier und da einige heiße Bebop-Phrasen aufblitzen. Eng verzahnt ist das treffliche Zusammenspiel der Rhythmusgruppe mit den korrespondierenden Bläsern. Das Ergebnis ist ein erfrischender Gruppen-Sound, voller Ideen und stetiger Überraschungen.
Die Ballade „Lost in a Dream“ gehören Anna Serierse und ihren Gesang. Das Trio unterstützt diskret: sparsame Gitarrenakkorde, verhaltene Bassläufe, besengerührte Drums. Melodisch schwelgend präsentiert die Vokalistin ihre Figuren, positioniert sie elegant zwischen Song und jazziger Ballade. Keine Ballade ohne ein singendes warmtönendes Bass-Solo von Sidney Werner, das dieses Genre erst hinreichend definiert. Weiter mit Gesang, der den nächsten Titel startet. Sogleich blasen sich Blech und Holz in den Fokus. Verhaltene Akkorde und Anschläge der Gitarre, sparsame Beats von Bass & Drums. Das Thema entpuppt sich ebenfalls als Ballade: lässig, cool bis „unterkühlt“. Auch das thematisch passende Solo des Altsaxofons sprengt nicht den harmonischen Rahmen und den rhythmischen Kontext. Das ist dem Trompeter und seinem Solo überlassen. Jan Kaiser sorgt jetzt mit seinem Horn für aufwallende Hitze: funkelnde Sequenzen, schmetternde hochlagige Tonfolgen schleudert er in den Titel. Das macht er genauso im folgenden Stück, in dem dann gegen Ende das ganze Oktett voll aufspielt, seine Power freilässt, einen kompakten, hochenergetischen Sound generiert.
Der 2. Set startet dezent mit Gitarre, Bass & Drums, die - sich zurückhaltend - das Thema einleiten und das vorzügliche Duo zwischen dem Altisten und der Vokalistin unterstützen. Das Stück Enigma sei noch erwähnt, in dem die Gitarre spitze Anschläge in den Titel setzt, der Bass eine gefällige Ostinato-Figur liefert und besonders die Drums von Aarón Castrillo für einen subtil swingenden Rhythmus sorgen. In dieses dichte musikalische Geflecht kann dann die Posaune von Andrej Ugoljew erneut seine kräftigen akustischen Eruptionen voller Expressivität sinnbildlich stoßen. Es obliegt der Sängerin das Gedicht (Lyrics) von Joshua Jaswon adäquat zu vertonen.
Die Bläser mit ihren präzisen Einsätzen vollziehen dann den Wechsel zum nächsten Thema, das als Latin Beat daherkommt, rhythmisch an Cha Cha Cha grenzt, gute Laune verströmt. Dem verzaubernden Gesang von Anna Serierse gehören erneut Thema und Bühne, während im Rausschmeißer-Song „Swimming in the Winter“ Tenorsaxofonist Marc Doffey solistisch seine Story warmherzig wie engagiert erzählen kann. Dann ist noch zu guter Letzt ein markantes wie überfälliges Gitarrensolo mit kantigen, knackigen Läufen von Johannes Mann zu hören.
Fazit: Das Joshua Jaswon Octet ist zeitgenössischer Jazz einer Big Band „Light“, der von den Kompositionen über die geschickt eingefädelten Arrangements bis hin zu den solistischen Darbietungen voll überzeugt. Besonders die ausgezeichnete Integration der menschlichen Gesangstimme von Anna Serierse in die vielfältigen Bläsersätzen ist höchst gelungen.



