Kurt Rosenwinkel New York–Berlin im ZigZag


Kurt Rosenwinkel New York–Berlin im ZigZag 24.03.2023


Kurt Rosenwinkel – guitar

Aaron Parks – piano

Doug Weiss – doublebass

Greg Hutchinson - drums


Die New-York-Berlin-Metapher wird oft verwendet, um die beiden Jazz-Metropolen zu vergleichen. Auch das Wechseln von Musikern aus der einen Stadt in die andere Stadt ist Thema. Besonders gern wird von der lokalen Jazz-Szene zur Kenntnis genommen, wenn Musiker aus NYC nach Berlin übersiedeln. So wie bei Kurt Rosenwinkel, einem weltweit gefeierten Gitarristen der 1. Liga, der schon länger in Berlin lebt. „It´s Wonderful to be Back Home” , begrüßt er das Publikum auf Englisch. Das bezieht sich wohl mehr auf die Tatsache, dass er vor einigen Jahren das ZigZgag mit seinem Konzert eröffnet hat. Sofort geht´s zur Sache. Da sind überwiegend Spielweisen und Stile zu hören, die rhythmisch am ehesten mit Begriffen wie Fusion, Funk und rockigen Beats zu beschreiben wären. Innerhalb dieser Themen prägt die Gitarre von Kurt Rosenwinkel den Klangcharakter des Konzertes. Seine zahlreichen Soli umfassen eine große Breite zeitgenössischer Jazzgitarren-Stile, wobei seine energetischen Improvisationen im Fokus stehen, mit einem Tough Mahavishu Orchestra.

Einige Titel im Detail 

Cicle 5 startet das Konzert. Harte Beats des Drummer mit ruppiger Unterstützung des Basses sorgen für einen rockigen Rhythmus, mit einer Prise Funk. Sogleich übernimmt die Gitarre solistisch das Geschehen. Kurzes Vorstellen der Melodieline, dann weiteres Variieren des Themas. Währenddessen liefert das akustische Piano mit minimalistischen, riffartigen Anschlägen seinen Beitrag zum Song. Die Soli der Gitarre erklingen schneller, intensiver, auch jazziger. Der Ton ist rund und weich, ohne prägnante Anschlaggeräusche. Dieser Gitarren-Sound – von einigen Ausnahmen abgesehen – ist im ganzen Konzert zu hören, zieht sich als roter Faden durch die Themen. Schlagzeuger Greg Hutchinson hat seinen harten Anschlag aufgegeben, trommelt jetzt feinfühliger, erzeugt mehr Wirbel und Breaks, bleibt jedoch im geraden Beat. Zeitgleich verfremdet Kurt Rosenwinkel seine Klangfarbe, etwas verzerrte Töne machen sich breit, unterstützt von Elektronik.


Lost Song, wie später erläutert wird, ist von rhythmisch ganz anderer Natur. Zunächst fängt es mit einem begleitenden Gitarrensolo an. Lang gehaltene Töne, viel Hall, runde Figuren, das Thema will sich noch nicht zeigen. Dann aber doch. Bedächtig, elegant mit balladesker Färbung erinnert das Thema an den ursprünglichen Musical Song My Favorite Things, aus dem John Coltrane einen legendären Jazzklassiker kreierte. Zu dieser Assoziation kommt noch hinzu, dass Lost Song einen richtig treibenden Rhythmus beinhaltet, nämlich einen Drei-Viertel-Takter. Zwar keinen richtigen Walzer, aber ebenso packend, mitreißend und gewinnend. Dafür sorgen hauptsächlich Drums und Bass, die den 3/4-Takt zum swingenden Drehen bringen. Jetzt spielt die Gitarre etwas freiläufiger, auch expressiver, bleibt jedoch harmonisch im Thema. Die Jungs vom Rhythmus legen jetzt ordentlich was darauf: mehr dramatische Akzente, stärkeren Ausdruck. So auch Greg Hutchinson mit seinem Schlagzeug. Da wird kräftig aufgeschlagen, aber nicht gedroschen oder geknüppelt. Dagegen zeichnet sich sein Trommeln durch federnde Anschläge aus. Auch Doug Weiss hält mit den Ostinato-Figuren seines Basses den „Walzer“ am Laufen, am raumgreifenden Sich-Drehen. Damit das so richtig ausgewogen und abgestimmt klingt, schlägt auch Pianist Aaron Parks kräftige Akkorde in die Tasten, der moderaten Dramatik des „verlorenen Liedes“ entsprechend.


Funky Time Now. Der Titel ist nicht klar, ist noch „Under Cover“. Sei´s drum. Da setzen die Drums mit dem Bass stakkatohafte Akzente eines Funks. Aaron Parks wechselt vom akustischen Flügel zum E-Piano. Das verströmt andere Klänge: verfremdet anmutende Linien nehmen den Charakter von „Bläsern“ an, die einzelne Noten lang im Raum stehen lassen, offen unterstützt von digitalen Hilfsmitteln. Das ist wohl ein Synthesizer, auf dem er mit der linken Hand ergänzende Akkorde spielt, die zusätzlich einen Elektro-Sound generieren. Die Gitarre eilt mit riffartigen Figuren zur Hilfe, der Bass hält sich sowie das Thema mit einer Ostinato-Figure fest. Alle zusammen spielen Funk à la wilder Mann, bei dem kein Pardon gegeben wird. Damit nicht genug, denn Kurt Rosenwinkel setzt weiter hohe spitze Gitarren-Stiche in den Song. So wie es klingt, sind wir jetzt in den besten Zeiten von Miles Bitches Brew, nur ohne das Horn des Meisters. Was fehlt? Klar, das überfällige, lang erwartete Bass-Solo von Doug Weiss. Mit wenigen Motiven macht sich sein Kontrabass etwas knurrend und knallend Luft. Soweit das ein akustischer Bass eben kann. Für diesen Sound fehlt der schnorrende und knarrende E-Bass. Das macht dann Kurt mit seiner Gitarre wett, einfach tiefere Lagen spielend, fast wie die Bass-Gitarre. JazzgitarrenBariton nennt das Kurt Rosenwinkel.


Under Cover Song - für Aficionados von Fusion.


Es sei nicht verschwiegen, dass es auch andere Titel, genauer Passagen in den Stücken gibt, die andere Stile präsentieren. So die folgende Ballade, die sich nach dem Solo der Drums - Featuring Greg Hutchinson – vorstellt. Einführung durch Aaron Parks stilles Piano, sein Spiel geht dann in kammermusikalische Linien über. Zarte, vorsichtige Anschläge, wenige Akkorde, die harmonisch zum Thema hinführen, es dann kristallisieren. Die Band nimmt den musikalischen Faden auf, präsentiert eine melodisch wie rhythmisch gefällige Ballade.


Gegen Ende ist dann wieder energetisches Treiben angesagt: Rhythmisch akzentuiert, harmonisch eher einfach, melodisch zurückhaltend. Jetzt nehmen die Klänge der Gitarre eine spröde, kratzige Färbung an. Kein weicher, runder jazzklassischer Ton wie bei den vorigen Titeln ist zu vernehmen, sondern stark energetisches Spielen ist Trumpf. Kurts flinke Finger flutschen nur so übers Griffbrett - John McLaughlin zwinkert uns zu. Die Band macht dergleichen mit, peitscht den Sound durch den Club. Ob Neu- oder Alt-Berliner: ab geht die Luzie. Dann sind die kurzen 75 min Konzert schon vorbei. Das Publikum wird gebeten, den Club zügig zu verlassen, da draußen eine lange Warteschlange Einlass für das 2. Konzert begehrt. Diesbezüglich, wegen der Preise und der Künstler bewegt sich Berlin auf New Yorker Verhältnisse zu. Aber befinden sich die Jazz-Metropolen schon auf Augenhöhe?

Autor: Cosmo Scharmer