Maria Baptist Quintett - Konzert im Berliner A-Trane TEIL 2

Album ESSAYS ON JAZZ – Recorded Live at Jazzclub A-Trane Berlin, March 2022
Von Cosmo Scharmer Ein live aufgezeichnetes Konzert ermöglicht zweierlei: Einen Konzertbericht und eine Besprechung des Doppel-Albums in einem Text. Anlässlich des CD-Release-Konzertes vom 16.3.2023, zu dem auch ein Konzertbericht in Kürze folgen wird, ist hier die Besprechung des 2. Sets des Konzertes bzw. der CD 2.
Maria Baptist – Piano & Compositions
Jan von Klewitz – Alto Saxophone
Richard Maegraith - Tenor Saxophone / Bassclarinet
Fabian Timm - Bass
Heinz Lichius - Drums
ESSAYS ON JAZZ CD 2
Apartment #3
On the Top of a Mountain
Minotaurus
After the Darkness
Midnight Rain
Goodbye me
Kurze Skizzierung für den eiligen Leser
A Die Balladen - On the Top of a Mountain, After the Darkness, Goodbye
Wie auch die anderen, primär als Balladen zu charakterisierende Titel, verfügen diese Stücke über die strukturellen Komponenten der Balladen: Dezente Einstimmung durch das Piano, unisono oder verschachtelte, gefällige Melodielinien der Bläser, subtil oder markant treibende rhythmische Basis von Piano, Bass & Drums und viele Gelegenheiten, für alle Musiker ihre individuellen Fähigkeiten und Stile solistisch ausgiebig zu präsentieren.
B Akzentuierte Rhythmen - Apartment #3, Minotaurus, Midnight Rain
In den Titeln dieser Art überwiegen folgende Elemente: höhere Anteile an individuellen und kollektiven Improvisationen, mehr atonale Elemente, dafür geringere jazzklassische Harmonien, weniger Melodielinien, dafür stärker energetische wie dynamische Felder, schnellere Tempi mit härter geschlagenen Beats bei akzentuierten Rhythmen, höherer Anteil an dramatischen Akzenten, entfesselte Sequenzen in den Soli, die ins Genre Free ausfranzen können, kein cooler Sound, sondern very hot.
Fazit: Die „wunderbaren Kompositionen“ (Jan von Klewitz) von Maria Baptist mit ihren fantastischen Arrangements sind die Basis für die Musik des Quintetts, deren kompakter Gruppen-Sound, sich als zeitgenössischer Jazz in vielen Facetten präsentiert.
Die Titel im Detail
Apartment#3Acht Takte Piano, gleich danach die Bläser. Das Thema ist rausgelassen, wartet auf Verzweigungen wie Verästlungen durch die Solisten. Das Altsax legt vor, das Tenorsax zieht nach. Beide bleiben sich in ihren Soli nichts schuldig in Beziehung auf Virtuosität und Ausdruck. Das tönt schon mal sperrig wie schräg, auch dreckige freie Sequenzen gehören in den Song. Kurze Wiederholung des Themas, bevor die Pianistin Maria Baptist ihren Ideenreichtum auch solistisch zeigen kann. Auch in ihrem Solo-Piano ist die Bewegung, Unruhe, Schnelllebigkeit und die laute Faszination einer Metropole zu spüren, zu fassen. Auch die Drums dürfen thematisch mal loslegen, genauer losschlagen: Thema vorstellen, ausbauen, variieren, mit freier Energie sich durchschlagen. Ja, und da alles auch noch melodiös. In der Tat, Heinz Lichius demonstriert in seinem Solo, dass sowohl rhythmisch kraftvolles Schlagen als auch melodisches Trommeln keine Widersprüche sind, sondern sich thematisch klug ergänzen. Das auch noch im ¾ Takt mit einem Twist wie Maria Baptist erläutert.
On the Top of a Mountain
Zarte, fast zerbrechliche Melodielinie, knapp angespielt. Das Piano führt mit leicht stakkatohaften, aber dennoch weichen Anschlägen in die Harmonien des Titels. Das ist die Gelegenheit für ein wunderbares Solo, das Richard Maegraith auf der Bassklarinette erspielt. Die warme Klangfarbe der Klarinette assoziiert: „Softly like a Morning Sunrise …. On the Top of a Mountain”. Die Metapher des Titels trifft die Musik ausgezeichnet. Akustische Blicke mit dem Altsax wirft Jan von Klewitz jetzt über die weite Landschaft. Eine gewisse elegische Stimmung herrscht auf der Bergspitze, wohl im Bewusstsein, das die Schönheit des Augenblicks nicht verweilen kann. So sanft wie die Ballade sich vorstellte, so zart verabschiedet sie sich mit leisen Anschlägen des Pianos, das fast unmerklich zum nächsten Song überleitet.
Minotaurus
So sein Name. Auch er wird vom Piano beiläufig platziert. Unisono spielen die Bläser das Thema kurz an, dann ist das Piano-Trio mit geraden Achteln dran. Das setzt im intensiven, dichten Zusammenspiel erste dramatische Akzente. Kurze Wiederholung der gefälligen Anfangsmelodie, dann übernimmt Bassist Fabian Timm mit einem Solo. Weiter bekannt macht Richard Maegraith die antike Sagengestalt in seiner Improvisation. Sein Tenorsolo zeigt den Minotaurus als kraftvolle Gestalt voller theatralischer Tonfolgen. Wer will, der kann in seiner Spielweise den Tenorklassiker George Adams heraushören. Das Piano intensiviert weiter die Dramatik: höher die Frequenzen, schneller die Läufe, entfesselter Figuren und Motive. Die Musik des Piano-Jazz-Trios würde schon vollständig überzeugen, da setzen die hinzukommenden Bläser noch eins, zwei drauf, vervollständigen Quintett und Sound.
After the Darkness
Ohne Piano kein Anfang. Diesmal erfolgt die Einstimmung mit viel Tiefe und Emotionen. Sparsam unterlegen Bass und Drums die ruhige Ballade, schaffen die rhythmisch-harmonische Basis für die Solisten. Die Melodie schält sich heraus. Dabei helfen die Bläser mit sanften Linien. Ebenso klingt Richard Maegraiths Bass-Klarinette, die – prädestiniert für Balladen – ihre samtenen Farben in die Dunkelheit des Songs tupft. Warm, rauchig, eine intime Intensität entströmt dem schwarzem Holz. Da hat es das stärker nach Metall klingende Altsaxofon schwer, balladesk mitzuhalten. Jan von Klewitz bläst seine Figuren und melodischen Bögen jedoch in bester geschichtenerzählender Spielweise, improvisiert im „Geist“ des Themas. After the Darkness, eine Ballade per Exellence. Maria Baptist lässt den Song pianissimo ausklingen, ihre Ideen blitzen in dem Intermezzo solistisch auf. Und schon ist sie dabei, ins nächste Stück überzuleiten, es anzuspielen. Ohne Piano kein Ende, kein Anfang.
Midnight Rain
Die Bläser teilen sich die markante Melodielinie, die sogleich ins Ohr springt, da auch bleiben will. Auch die anderen Instrumente sind entweder unisono oder verschachtelt ins Thema involviert. Diese – früher als – Ohrwurm titulierte Sequenz wird sobald von den Soli der Bläser ersetzt. Alt und Tenor scheinen zu wetteifern, wer intensiver, expressiver oder auch atonaler improvisieren kann. Das hier ist eine wild dynamische und sehr freitönende Version des Titels. Das Publikum ist in jedem Fall der Gewinner. Das Piano macht unterdessen mit kräftigen Anschlägen auf sich aufmerksam. Gehämmerte Akkorde, stakkatohafte Läufe, riffartige Motive, die die Drums zum Gegenhalten animieren, wenn nicht provozieren. Heinz Lichius lässt sich nicht lange bitten und so erklingt im Duo ein entfesseltes Power Play mit allen Schikanen. Das muss jetzt aber wieder versöhnlicher klingen. Dem Bass überkommt diese Aufgabe. Fabian Timm zaubert ein wunderbares Solo mit warmen, singenden Farbtönen. Und weil das so schön ist, gibt´s zur Belohnung die ebenso wohltönende wie markante Titelmelodie des mitternächtlichen Regens.