Memento Odesa - Symphonieorchester Odesa & Sebastian Studnitzky

Gleich nach Sebastian Sternitzkys enthusiastische Ansage – gefüllt mit seiner großen Freude über die zahlreichen Besucher in der komplett gefüllten Kirche - geht´s mit einem Duo zwischen Andrii Pokaz am Piano und Sebastian Sternitzky an der Trompete sofort los: präpariertes Piano, sparsame, vereinzelte Töne, etwas kräftigere Läufe über die Tastatur mit den Effekten eines präparierten Pianos legen vor. Mit wenigen Linien und behutsamen Sequenzen setzt die Trompete ein, das Spiel mündet in melodischen Tonfolgen. Ja, eine Ballade, in die das Piano traurige Motive, dunkle wie tiefe Akkorde setzt. Diese stakkatohaften Anschläge der rechten konterkarieren mit den leicht perlenden Figuren der linken Hand. Die Trompete ergänzt, übernimmt Themen- sowie Melodieführung, verleiht der Ballade weitere, etwas triste Klangfarben.
Der hinzukommende Perkussionist Bodek Janke macht aus dem Trio ein Quartett. Das Piano liefert Ostinato-Motive in tiefen Lagen. Darüber bläst die Trompete ihre Figuren, darunter sorgt Bodek Janke mit den getrommelten Tablas für einen rhythmischen Ausgleich. Klangcharakter und Spielweise der Tabla erinnern eher an östliche Musik, aber auch die Trompete lässt orientalische Skalen erahnen sowie einen Hauch von Klezmer. Andrii Pokaz baut das Thema aus, spielt sich frei, wird dramatischer. Unterstützung erfährt sein Spiel durch das agile Tabla-Trommeln. Themenwiederholung durch das Horn, dann zieht sich die Perkussion zurück, überlässt einem intensiven Zwiegespräch zwischen Piano und Trompete das musikalische Feld.
Symphonieorchester Odesa: Kammermusikalisches Ensemble
Volodymyr Digits: Dirigent
Sebastian Sternitzky: Komposition, Trompete & Piano
Anastasiia Pokaz: Gesang
Andrii Pokaz: Piano
Paul Kleber: Bass
Magro: Schlagzeug
Bodek Janke: Perkussion
Idee, Geschichte und aktuelle Realisierung des Projektes werden von Sebastian Studnitzky detailliert erläutert, das Sinfonieorchester Odesa wird vorgestellt. Das ist „nur“ das Kammerorchester mit seinen Streichern: Violine, Viola, Cello & Kontrabass. Überwiegend jung und weiblich, da die Männer „ein Ticket für die Front“ haben, wie Sebastian Studnitzky ausführt. Nichtsdestotrotz besteht das Kammerorchester aus 2 Dutzend Mitgliedern, von denen 5 männlich sind.
Wohltönende, melodische Linien machen den Auftakt. Es klingt leicht, unbeschwert, der grausigen Realität in der Ukraine entrückt. Eine Komposition mit romantischen Klangcharakter, die das souverän agierende Kammer-Ensemble unbegleitet präsentiert, das Publikum auf symphonische Klangwelten einstimmt und es für ihre Musik sofort gewinnt. Nun gesellen sich Trompete, Bass und Drums diskret hinzu. Wellenartige Klänge der Streichinstrumente erzeugen eine eher klassische, kammermusikalischen Stimmung, in die rhythmische Elemente von Bass & Drums sich dezent integrieren. Die Musik lebt von den gegensätzlichen Polen der symphonischen Streicher und den geraden Akzenten der Rhythmusinstrumente, deren Schläge nur touchiert werden. Zwischen diesen Spanungspolen befindet sich das Piano-Spiel von Andrii Pokaz, der vermittelnd seine Figuren sanft in der Tastatur drückt.
Mit der hinzukommenden Sängerin Anastassia Pokaz verstärkt sich die Studnitzky-Combo auf ein Sextett. Zuvor erläutert Anastasiia Pokaz eindringlich auf Englisch und Ukrainisch die grausame alltägliche Situation in der Ukraine unter den Bedingungen des russischen Angriffskrieges. Nichtsdestotrotz, dieses Projekt zeigt den Lebens- und Überlebenswillen auch der Ukrainischen Kulturschaffenden. Deshalb diese Tour durch 11 deutsche Städte, deshalb diese Benefizkonzerte. Eine persönliche musikalische Antwort ist ihr Gesang, den sie auf Ukrainisch vorträgt. Das Piano von Ehemann Antrii Pokaz macht den Anfang, die harmonischen Tonfolgen haben leichte folkloristische Anklänge. Die Streicher säuseln leise im Hintergrund, die Stimme von Anastasiia Pokaz setzt ein. Ein lyrisch angehauchter Titel, emotional bewegt vorgetragen. Die Rhythmus-Sektion unterstützt uneigennützig, nicht swingend, sondern geradlinig dezent rockend. Ein kurzes Solo des Horns, dann ist wieder die engagierte Stimme der Sängerin zu vernehmen und schon haucht der kurze wie poetische Titel sich aus.
Fließende Harmonien des Kammerorchesters, wellenartige Tonfolgen in einer romantischen Ausgestaltung füllen den domartigen Saal der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die über eine überraschend gute Akustik verfügt. Über diese auf- und abschwellenden Klangwellen legt die Trompete ihre einsamen Rufe. Sebastian Studnitzky verstärkt sein Spiel, das an Expressivität gewinnt. Angereichert mit ersten dramatischen Akzenten verbleiben seine Improvisationen jedoch in einer melancholischen Note.
Memento, das Titelstück der Konzerttournee schafft es – ebenso wie die anderen Titel -, eine überzeugende Synthese zwischen kammermusikalischer oder symphonischer Musik und zeitgenössischen Spielweisen aus Jazz, Rock und Neuer Musik einzugehen. Was die emotionalen Aspekte der Musik betrifft, so erzeugen diese Klangwelten unvermeidliche Gänsehaut-Effekte. Sebastian Studnitzky wechselt von der Trompete zum Flügel, fügt einige Takte solistisches Piano hinzu, lässt diese Passage behutsam ausklingen. Erneut ergreift ein dichter Sound den Raum. Die Wiederholung des Themas obliegt diesmal nicht dem Horn, sondern das Cello aus dem Kammer-Ensemble darf diesen Part übernehmen, der mit Bravour vorgetragen wird. Das gilt gleichermaßen für das Spiel der Musikerinnen des Ensembles wie für den Dirigenten Volodymyr Digits.
Eine Komposition stellt auch die Musiker aus der Rhythmus-Gruppe stärker in den Fokus. Kurze Intro durchs Piano, dann kommen die Streicher kurz hinzu, um sogleich dem Rhythmus die Bühne zu überlassen. Ein klassisches Piano-Jazz-Trio gibt jetzt den Ton an. Nicht ganz jazzklassich, da sich Perkussionist Bodek Janke dem „Trio“ angeschlossen hat und sich nicht zu fein ist, den Sound mit vielen „kleinen“ Instrumenten wie Glöckchen, Rasseln, Tamburin oder Pfeife zu unterstützen. Stakkatohafte, kräftige Anschläge des Pianos von Studnitzky, der zum Flügel wechselte, unterstützen das akzentuierte wie souveräne Spiel, das Bassist Paul Kleber und Drummer Margo jetzt in den wohlverdienten, solistischen Fokus stellt. Die Violinen, Celli und gestrichenen Bässe spielen jetzt frank und frei auf, vervollständigen mit melodisch-harmonisch Elemente diesen Sound. Mit auf- und abschwellenden Motiven branden die symphonischen Wellen auf die Felsen in der rhythmischen Brandung. Dazwischen gleichen Piano und Trompete harmonisierend aus. Und weil es so schön bewegend, so emotional packend ist, gibt es noch kurze vokalische Sequenzen von Sebastian Studnitzky als Zugabe.
Tourdaten:
11.3. Bielefeld, Rudolf-Oetker-Halle
12.3. Hamburg, St. Marien-Dom
13.3. Kassel, Anthroposophisches Zentrum
17.3. Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
18.3. Bonn, Pantheon
19.3. Karlsruhe, Tollhaus
20.3. Stuttgart, Hospitalhof
14.5. Bremen, Die Glocke
15.5. Regensburg, Regensburg Theater
Alle Einkünfte von der Tour werden an „Children of Heroes“ (https://childrenheroes.org/) gespendet



