Rodrigo Bauzá Group 15.10.24 b-flat

Rodrigo Bauzá Group 15.10.24 b-flat
Rodrigo Bauzá Group
Rodrigo Bauzá - Composition, Violin, Electronics
Santiago Arias - Bandoneon
Greg Ambroisine - Trumpet
Markus Busch - Bass-clarinet
Das Schneeglöckchen steht vermutlich in der Vase eines traditionellen Wiener Kaffeehauses und animiert zum (Tag)Träumen. Zeitgemäßer ausgedrückt ist es eine wohltönende Ballade mit tieflagiger (Bandoneon & Bass-Klarinette) Grundierung, über die die eine verspielte Geige ihre akustischen Streiche gekonnt ausführt. Ein Hauch von Gipsy kommt auf, aber das ist eher der ungarische „Komm Zigan“ als der swingende Verwandte à la Django Reinhard. Die gestopfte Trompete von Greg Ambroisine hat das Privileg, ihre Ideen mit stillen Effekten und verfremdeten Tönen in den Improvisationen kundzutun. Bandoneon sowie die tiefe Klarinette ersetzen mühelos den Schlagzeuger. Der digitale Taktgeber macht mal Pause macht, wird überhaupt nicht vermisst. Themen- und Szenenwechsel. „Kultrum Pampa“ heißt ein Album des virtuosen Bandoneon-Spielers Dino Saluzzi. So ähnlich klingen die Tonfolgen, die kräftigen Akkorde und die quirligen Figuren der Melodiehand von Santiago Arias.
Und der darf – allein ohne Begleitung – solistisch weitermachen und zeigt, was in dem Blasebalg an Themen und klanglichen Varianten alles steckt und nur durch souveräne Handhabung, zum Leben zu erwecken ist. Da ist jetzt einiges an traditionellen Themen und Elementen aus der argentinischen Folklore zu entdecken. Tja, wer will, der kann sogar ein paar Takte Tango heraushören. Nein? Auf jeden Fall sind Themen zu hören, die mit dem Land und der Metropole Buenos Aires (dort der Hafen) zu tun haben. Die Musik der Porteños!
Das Quartett verstärkt sich durch die Hinzunahme einer Stimmen, die von Josefina. Zusammen mit Bandoneon und Violine bilden sie zunächst ein Trio, das dann mit den digitalen Drums sowie der Stimme zum Sextett wird. Josefina gibt einige Phrasen des Titels zum Besten, um sogleich von der Trompete abgelöst zu werden, die einige Sequenzen in den etwas tristen Song bläst. Das Singen, eher ein Sprechgesang, der ein Gedicht, ein lyrische Werk zitiert, verbleibt oft im Refrain. Cansado ertönt oft. Si, cansado, aber es bleib unklar, wer an was leidet und deshalb müde ist. Untermalt wird das Zitieren der Verse von dem tatkräftigen Bandoneon, das seine energischen Lautmalereien in den schwermütigen Song im Stil des Porteños drückt. Erneut singt Josefina den beschwörenden Refrain: Cansado, Cansado. Dann aber ab in die Pause?
Der 2. Set
Mit digitalem „Trommeln“ oder so ähnlich startet der Titel. Vom Klangcharakter wieder ungewöhnlich, aber rhythmisch durchaus ansprechend. Die Ansprache von „Trainer“ Rodrigo Bauzá in der Halbzeit-Pause hat dem digitalen Rhythmus offenbar gut getan. Dann kommen noch Bandoneon und Bass-Klarinette zu mit prägnanten Riffs dem Rhythmus zu Hilfe. Santiago Arias spielt sich mit seinem Bandoneon erneut in den Fokus. Jedoch nicht unbegleitet, sondern im Duo mit der Violine von Rodrigo Bauzá, die sich die thematischen Elemente teilen.
Inspiriert war das Stück mit Themen aus den Anden, so die spätere Erläuterung von Rodrigo Bauzá, der den nächsten Titel ansagt.
Eine Mazurka, Na dann!
Bei dieser Komposition kann der Geiger seine Violine zu richtig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit bringen. Solistisch zunächst unbegleitet kann er mit seinen Improvisationen glänzen. Was für eine Musik ist zu hören? Nun, das sind nicht wirklich klassische Harmonien, eher kommt sein souveränes Spiel den Genres Neue Musik, wenn nicht Filmmusik entgegen. Die tieflagige Klarinette und der Blasebalg begleiten jetzt die schwingenden Sequenzen der Violine, während die Trompete - nach einer Auszeit - den Faden der Improvisation aufnimmt. Die Figuren und Motive, die Greg Ambroisine mit seiner gestopft Trompete in gedämpfter, dunkler Intonation einsam in das Thema tupft, haben etwas von Filmmusik im Stil des „Film Noir“. Darunter faucht das Bandoneon und darüber fiedelt die Geige, beide verbleiben in den Harmonien der Mazurka. Dass die Mazurka mal ein Tanz war, ist nicht unbedingt zu bemerken. Auch das diese Komposition eine von Chopin ist, hören wohl nur klassisch ausgebildete Ohren. Für jazzige Ohren bleibt der „Song“ durchaus ein Schmaus.
Ein Thema, das durch einen argentinischen Komponisten angeregt wurde, macht weiter. Besonders die Art und Weise seines Sprechens regte Rodrigo Bauzá dazu an. Und so sind Themen nachbildet, die die Sprachmelodie, das Singen, die Intonation dieses Argentiniers in Musik übertragen. Eine weitere Auflage des Duos zwischen Bandoneon und Geige erklingt, diesen Sprechgesang imitierend. Stilistisch klingt das erstmals stärker nach Kaffeehaus-Musik. Dann tritt die argentinische Pampa an die Stelle der ungarischen Puszta.
Der „allerletzte“ Titel hat es eilig: schnell, rhythmisch akzentuiert, stakkatohafte Tonfolgen der Gruppe, nur von einem humorlosen digitalen Rhythmus unterlegt. Die einzelnen Instrumente spielen noch mal solistisch zum Tanz auf. Das Stück erhält einen leicht schrägen, gar schrillen Charakter, irgendwie surrealistisch anmutend. Noch eine Zugabe und dann beendet die Rodrigo Bauzá Group ihr absolut interessantes, aber sehr eigenwilliges Konzert. Was für Aficionados!



