The Music of George Adams - Jörg Miegel Quartett 15.10.2023 Schlot


An George Adams und Don Pullen zu erinnern, deren Musik zu spielen, eine Hommage zu präsentieren, ist eine gute und zugleich wagemutige Idee. Denn Tenorsaxofonist George Adams wie sein kongenialer Pianist Don Pullen spielten mit ihrem Quartett (Dannie Richmond Drums, Cameron Brown Bass) auf allerhöchsten Niveau, was Technik, Stil und Emotionalität betrifft. Diese – leider wenig gespielte – Musik auf ähnlichem Niveau spielen zu können, verlangt  von den Interpreten höchste Fähigkeiten. Die sind beim Quartett um den Berliner Tenoristen Jörg Miegel vorhanden. Zu hören sind einige Kompositionen der stilbildenden „Vorbilder“. Das swingt rhythmisch so raffiniert wie eingängig, bringt jenen Groove rüber, der emotional alle anpackt und überzeugt. Auf Basis der wunderbaren Kompositionen gibt es jede Menge Soli, die diese Musik aus dem „Dornröschenschlaf“ erweckt, sie mit Leben erfüllt. In den Genres von Rock wie Pop mag das als Cover Band definiert sein, im Jazz klingen Standards oder das Spielen von fremden Titeln anders. Das Konzert ist zwar eine Hommage an George Adams & Co, aber von den Berlinern individuell dargeboten. So gelingt der Spagat zwischen Titel-Präsentation und persönlicher Ausgestaltung. So ist authentischer Jazz.


Horst Nonnenmacher - Bass 

Tobias Tinker - Piano

Kai Lübke - Drums

Jörg Miegel – Saxofon, Flöte, Idee

Die Titel im Detail


City Gates, den 1. Titel, stellt kurz der Bass vor. Markante Bass-Figuren treiben vorwärts, erzeugen mit den Drums raffiniert swingenden Rhythmen. Steilvorlage für die Soli des Tenorsaxofons, das mit expressiven Läufen darauf antwortet. Das Piano bevorzugt akzentuierte Akkorde, setzt diese im Solo punktgenau ins Thema. Eine besondere Herausforderung geht ans Tenorsax. In seine Improvisationen packt Jörg Miegel viele Schleifen, die sich teils in gewundenen Melodiebögen auflösen, teils frei expressiv daherkommen, aber stets mit voluminösen Ton sich Luft machen. Wenn dann noch typische George Adams Triller zu hören sind, ist die Hommage perfekt.


Autumn Song ist eine Ballade vom Feinsten: schöne Melodien, eingeleitet vom Sax, abgerundet durchs Piano und ebenso gefühlvoll „abgefedert“ durch die Drums. Nun, das ist eine schöne Komposition, die in keiner Weise museal oder nostalgisch wiedergegeben wird, sondern als lebendiger Jazz. Mit „Intension“ kommt dann stärker dynamisches Spielen in den Fokus: Power Play der Drums, treibender Walking Bass, quirliges Sax-Solo, dann die gewaltigen Akkorde des Pianos – etwas Don Pullen, aber noch mehr von der Spielweise eines McCoy Tyner. 


George Adams, Don Pullen sowie die anderen waren – bevor sie ihr eignes Quartett gründeten – Mitglieder beim legendären Charles Mingus. Der hätte allerhöchste Ansprüche an seine Musiker, die er handverlesen auswählte. Wieder eine gute Idee, ein Stück des virtuosen Altmeisters des Kontrabasses hier im Schlot auf die Bühne zu bringen. Sound of Love ist eine nahezu unbeschreiblich schöne Ballade. Wie der Titel, so die Interpretation. Das Quartett überträgt hervorragend das melodische Thema wie dessen ausgefeilte Harmonien in ihr Spiel, in ihre Improvisationen – Balladissimo!


Nach solchen musikalischen Höhenflügen ist Erdung genau das Richtige. Eine Blues von Monk? Zumindest klingt es so, als käme der von Monk, dem genialen Komponisten der ironischen Schräge. Blues Feeling ist reichlich vorhanden, wird dann - nach dem knallenden, perkussiven Bass-Solo - als gute Laune Boogie Woogie angeboten, vom Publikum freudig auf- und mit in die Pause genommen. 


Nachdem der Auftakter im 2. Set durch swingendes Power Play der ganzen Band eine klare Ansage an das Publikum war, geht es mit der Don Pullen Komposition Big Alice gleichermaßen fulminant weiter. Zunächst darf Drummer Kai Lübke seine Trommeln nach allen Regeln seiner Kunst souverän verdreschen, dann stellen Sax und Piano die Melodielinie unisono vor. Derweil kreiert der Bass prägnante Ostinato-Figuren, die Drums ergänzen mit federnden Beat das Geschehen. Rhythmisch klingt das sehr akzentuiert, wuchtig, kraftstrotzend. In diese Klangwelten knallt dann Pianist Tobias Tinker sein Solo mit voller Passion in die Tasten, holt so volle Dröhnung aus dem Flügel.


Es ist jetzt an Horst Nonnenmacher zu zeigen, was alles an Tönen im Kontrabass steckt. Da wird über und unter dem Steg gezupft, um luftige Flageolett-Töne zu erwecken, die sich zu motivischen Figuren entwickeln, um harmonisch wie rhythmisch den Boden für den Titel einzuleiten. Das Quartett nimmt das Thema an und erspielt eine getragene Hymne, bei der es unmöglich ist, nicht an Coltranes Love Supreme erinnert zu werden. Wenn dann - mit dem wunderschönen Forever Lovers von George Adams - das Konzert balladesk ausklingt, so kann eine Hommage kaum besser klingen.

Konzertbericht vom 25.08.2023