Tobias Meinhart Berlin People & Jeremy Pelt A-Trane 06.08. bis 10.08.24

Hier ist der 2. Bericht vom Konzert am 06.08.2024 – Set 2
Jeremy Pelt – Trompete
Ludwig Hornung – Piano
Tom Berkmann – Bass
Mathias Ruppnig – Schlagzeug
Tobias Meinhart – Tenorsaxophon
Aqua Ponys
Nun, um der Titelnamen muss sich Bassist Tom Bergmann keine Sorgen machen, denn „Aqua Ponys“ ist kaum zu optimieren. Die „Seepferdchen“ (so Tobias Übersetzung) kommen mit Latin Tough daher geschwommen. Mathias Ruppnig unterstützt den Titel mit ruhigen, fließenden Trommelschlägen, bei den er zu den Klöppeln greift. Ein erotisierendes Gefühl von Rumba durchströmt das Ambiente, latinisiert das willige Publikum. Der Titel bewegt sich in melodischen Gefilden, die ein Solo von Ludwig Hornung anreichert, pianistisch verschönert. Weil das so gut klingt, machen die andern Mitspieler in gleicher Art und Weise mit, die Ästhetik der Komposition betonend. Was dem Piano Recht ist, ist den folgenden Soli von Trompete und Sax billig. Jeremy und Tobias treffen sich zu einem Duo, das nach dem Bird-Call-Prinzip wirkt und vortrefflich praktiziert wird: Der eine gibt Motive vor, der andere antwortet, variiert dabei und ist wiederum die Vorgabe für seinen Duo-Partner. Und so weiter und so fort. Wunderbar zu hören.
Der nächst Song tönt wiederum anders. Das E-Piano legt kurz vor, Bass und Drums ziehen nach. Rhythmisch sind ruppige Anschläge bei sparsame Beats zu hören – Rock, Fusion, Funk, fast alles an geraden Rhythmen ist darin enthalten. Über diese Basis legt der Tenorist seine Linien, bringt stetig mehr Ausdruck in seine Improvisationen, bläst auch mal freiere Sequenzen. Dann legt der Trompeter eine gut gefüllte Schippe an scharfen, schneidenden Klangfarben darauf. Assoziationen an das legendäre Album „Retrurn oft the Brecker Brothers“ sind nicht willkürlich, sondern unvermeidlich, denn so klingt es.
Donna Lee
Ein Standard, ein Klassiker, wohl der Klassiker von Charlie Parker. Arrangiert ist dieser Titel von Pianist Ludwig Hornung. Bei Donna Lee geht es um Folgendes: irrwitzig schnell, umtriebig mit der Tendenz zur Hektik (negative Konnotation), unruhig, mit der Tendenz zur Bewegung, zum avanciertem Fortschreiten (positive Konnotation). Ob schneller oder etwas langsamer, der Titel soll, muss perfekt gespielt sein, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Das ist die Herausforderung. Zunächst springt Jeremy in die Rolle eines „Dizzy Gillespie“, um korrekte Intonation und Phrasierung der Bebop-Komposition wiederzugeben. Dann ist es am Tenorsax (für den Bebop-Sound eher untypisch) von Tobias die agilen Schleifen, die quirligen Figuren im Stil des Genres zu spielen. Und so blasen Sax wie Horn das Donna-Lee-Thema sowie ihre bewegten Improvisationen in der Art eines „Bird-lives“. Ach so, fast vergessen. Die Kollegen von Rhythmus, denn Drums, Bass und Piano spielen sich in dem atemberaubenden Tempo passioniert wie präzise außer Rand und Band – so wie sich det für Donna Lee jehört.
Blues ohne Titel
So ganz ohne Blues kommt ein Jazz-Konzert nur schwer aus. Der Blues wird nicht titellos ein, wird aber nicht verraten. Sei´s drum. Arrangiert hat das Tobias und zwar wieder mit bestechenden Sätzen für die Bläser, die dann unisono vorgetragen werden. Sogleich ist es am Bass für ein Solo zu sorgen. Das ist schon lange überfällig, dauert leider nicht allzu lange: warme, singende Tonfolgen und akkurate Läufe wie Figuren stehen dem Blues vorzüglich zu Gesicht. Und der Blues versteckt sich gut. Es sind weniger die vertrauten, formalen Strukturen des allzu bekannten Blues-Schemas zu hören, sondern, da wird tricky mit Substitutions-Akkorden und ähnlichen Techniken gearbeitet. Im Jazz kann es auch lauten: wir spielen zwar einen Blues, aber ihr sollt ihn nicht erkennen. Zumindest nicht so ganz leicht, denn auch das Publikum freut sich stärker, wenn es unkonventionelle Akkordfolgen entdecken kann.
Nun, der gerade zu hörende Blues treibt es nicht ganz so schlimm. Piano und Bass spielen die erforderlichen Tonfolgen und helfen beim Erkennen des Blues. Das Horn von Jeremy tobt sich aus mit jubilierenden, schmetternden, metallischen Figuren. Aber damit nicht genug, denn eine Spielweise, ein Stil des Tenorsaxofons war heute wenig, zumindest nicht explizit zu hören. Das ist jetzt der Fall: Rauchige Intonationen mit viel Volumen wie Luft und balladenhaften Schleifen entweichen dem Tenorsax. Tobias Meinhart bläst virtuos in der Tradition der großen Balladen-Tenoristen wie Coleman Hawkins und Ben Webster. Gelebte Tradition!
Als Zugabe gibt es einen launigen Standard, um zu zeigen: Ja, Standards können wir auch. So ist es, und so empfindet es auch das enthusiastische Publikum.



