Vijay Iyer – Klavier
Linda May Han Oh – Kontrabass
Tyshawn Sorey – Schlagzeug
Vijay Iyer und Tyshawn Sorey sind in Berlin gut bekannt, haben zahleiche
Konzerte gegeben, Tyshawn Sorey auf dem Berliner Jazzfest 2017. Sie genießen
den besten Ruf als virtuose und stilbildende Musiker. Wer mit solchen Größen
spielt, der muss einfach ausgezeichnet sein, so wie die hier eher unbekannte
Bassisten Linda May Han Oh. Auch wenn es beim Jazz nicht ganz so ist wie beim
Fußball, jedes Konzert ist anders und kann positive wie negative Überraschungen
bereithalten. Also lassen wir uns überraschen!
Stimm- und Themenführung entspringen dem Piano, das schnell Figuren und
Motive vorstellt, diese variiert. Die leisen Besen verlassen die Drums und werden
durch schlagkräftige – im absoluten Wortsinn – Stöcke ersetzt. Diese werden
gnadenlos eingesetzt und erzeugen einen energiegeladen Rhythmus, der das
ganze Konzert „begleiten“ wird. Das Ergebnis ist ein kraftvoller, zupackender und
zuschlagender Sound, der den Rahmen herkömmlicher Piano-Trios weit sprengt.
Ein bitterer Wehrmutstropfen. Der ebenfalls ungeheuer wichtiger Bass ist nicht
nur zu leise, sondern die Bass-Box ist schlecht positioniert, der ganze Sound ist
schlecht ausgesteuert. Mehr als schade!
Der folgende Titel fängt als Ballade an, um dann geschwind in ein treibendes,
solistisches Piano voller Expressivität zu springen. Hier sind keine lyrische oder
kammermusikalischen Anklänge zu hören, kein ECM-Sound, auch nicht im
weitesten Sinn. Es könnte ironisch wirken, wenn Vijay Iyer später erzählt, dass
das aktuelle Album - in dieser Besetzung mit den hier gespielten Titeln – auf ECM
erscheint. Ist das ein Ausreißer? Oder kündigt sich hier ein Paradigmen-Wechsel
des hauseigenen Sounds an? Ein weiteres so kraftvoll wie flinkes Solo der
Bassistin schmückt den aktuellen Titel, dann treffen sich Piano und Bass zu
unisono gespielten Linien. Auch die folgenden Titel charakterisieren sich als ein
enges Zusammenspiel zwischen dem Tasten- und dem Saiteninstrument. In
diese Klänge treibt Tyshawn Sorey gnadenlos seine wuchtigen Schläge, treibt die
Musik des Trios in einen energetischen Power Sound.
Kurz zur Akustik. Die zu lauten Drums, der zu leise Bass wurden schon erwähnt.
Das Piano liegt von der akustischen Verständlichkeit dazwischen. Hier könnte
sich zeigen, dass in einem - für akustische, überwiegend klassische Konzerte
konzipiertem - Saal andere Bedingen zu berücksichtigen sind als in
herkömmlichen Räumen, in denen frontal zum Publikum gespielt wird. Wem die
mangelhafte akustische Aussteuerung primär anzulasten ist, ist zweitrangig. So
professionelle Veranstalter wie Musiker sollten unbedingt die Fähigkeiten haben,
die gute Akustik des Pierre Boulez Saals zu nutzen und diese nicht zu
konterkarieren. Ansonsten war es ein Wahnsinns-Konzert.
Autor: Cosmo Scharmer