XJAZZ 2022 Lady Blackbird im Lido

06. Mai 2022 XJAZZ Berlin
Wegen des optisch bizarren Outfits ist Lady Blackbird auch schon als Lady Gaga von Soul&Jazz bezeichnet worden, aber sobald sie zu singen anfängt, wird der fundamentaler Unterschied zu ihrer poppigen „Vetterin“ mehr als deutlich: stimmgewaltiger Gesang, durchtränkt mit den Emotionen des Soul, ausgestattet mit der Technik des Jazz. Aber unabhängig von allen Stilen ist bei Lady Blackbird absolut unüberhörbar: ihre tiefe Stimme, das volles Volumen, die dunkelrote samtene Klangfarbe. All das kann ein Publikum emotional zutiefst bewegen.
Etwas Geduld ist vonnöten. Ein Soundcheck - oder was auch immer - versperrt den Zutritt. Geduldig wartet das Publikum in den Vorräumen des Lido. Sie vermuten, sie wissen, es wird sich lohnen. Dann ist es soweit, die Tür geht auf, die Leute strömen hinein, kämpfen um die wenigen Sitzplätze, es wird randvoll. Der Raum ist dunkel, die Bühne nur mäßig erhellt und die Band darf schon mal anfangen, rockige Motive zu spielen, die psychedelisch anmuten. Das sind düstere Klangfarben, die gut zum verdunkeltem Ambiente des Lido passen. Die Combo, klassisch aus Drums, Kontrabass und Piano bestehend, bereitet sorgsam den Boden vor, erhöht die Spannung auf die Lady. Federnder Beat der Drums, gestrichene Ostinato-Figur des Basses, raumgreifendes E-Piano. Dieser Sound empfängt die Lady als sie dann die Bühne betritt. Schon die ersten Töne nehmen alle gefangen.
Ihre dunkle, gewaltige Stimme macht aus dem Song Black Bird eine Ballade, insofern hier eine Geschichte erzählt wird. Stärker ist jedoch der hymnische Charakter des Titels. Eine Hymne an Emanzipation und Befreiung – Fly Blackbird. Der Stimme von Lady Black Bird gelingt es, diese Geschichte glaubwürdig wie bewegend ohne jede Spur von Kitsch zu erzählen. Demzufolge ist das Publikum im Lido hin und weg, einzelne beginnen schon zu fliegen.
Rock und Soul
Das E-Piano als dezente Orgel gestimmt, liefert den klanglichen Hintergrund, auch hier mehr lässig-rockig als soulig oder swingend. Im Vordergrund verschafft sich die Stimme der Lady eindringlich Gehör, steigert sich von dramatischer Expressivität zum Pathos. Bei der Sparsamkeit der verwendeten Instrumente nebst den musikalischen Elementen muss der Gesang alles herausholen, was mühelos gelingt. Eine Ostinato-Motiv des Basses legt vor, prägt den Klangcharakter des Stückes. Verhaltene Akkorde des Pianos legen nach, leise Trommelschläge ergänzen, ein rockiger Beat ertönt mit psychedelischer Klangfärbung. Lady Blackbirds unverwechselbarer Gesang bewegt sich souverän zwischen Rock und Soul.
Fix It
Andere Songs bestechen durch den diskreten Bezug zur Jazztradition. Das sind verehrungsvolle Anklänge an die leichte Tiefe & schwere Leichtigkeit des legendären Albums Kind of Blue. Was damals Miles Davis und der kongeniale Bill Evans an stilbildenden Klangwelten avantgardistisch vorlegten, kommt hier als aktuelle Hommage daher. Kam die historische „Vorlage“ ohne Gesang aus, so beweist die Lady durch Stimme und individuelle Interpretation die klassische Schönheit der Ballade Fix It. Auch ein weiterer Song flirtet bei sparsamer Begleitung des Piano-Trios verhalten mit dem Jazz. Die Stimme darf, soll, ja muss dominieren. Das tut sie zweifelslos auch. Sensible Piano-Anschläge, die sich wieder in vorsichtige Orgelklänge verwandeln, verstärken durch ihre Harmonien den jazzigen Charakter des Songs. Dann ist schon Schluss. Die anderen, zeitlich eng abgestimmten, Konzerte des XJAZZ-Festivals erlauben keine Zugaben. Es wird nächste Konzerte in Berlin geben, lässt die Lady durchblicken. Hingehen!