XJAZZ 2022 Theo Crocker im Lido

05. Mai 2022 XJAZZ
Theo Crocker - trumpet
Das gewaltige Schlagzeug mit vielen Becken und Trommeln weist die Richtung. Es wird rhythmisch knackig zur Sache gehen und es wird laut werden. Die Keyboards und Monitore - rund um das akustische Piano konzentriert inklusive eines Pianisten und eines Mannes (dem Operator hinter 2 Laptops), der die digitalen Effekte steuert -, sprechen dafür, dass eine Menge Elektronik zu hören sein wird. Es fängt verspätet an, weil der Sound Check länger dauerte, aber das wird vom Publikum akzeptiert. Keiner der Wartenden murrt, sondern sie unterhalten sich wohl angenehm. Mit einem gut akzentuierten, aber geradem Rhythmus der Drums geht es los. Dann erzeugen Elektronik und E-Piano einen sphärenhaften Hintergrund, unaufdringlich, dezent. Dann der Bass. Nein, kein EBass, sondern ein Kontrabass. Der aber recht laut verstärkt wird, in Relation zu den anderen Instrumenten. Mittlerweile ist auch das verhaltene Piano dabei. So wird Spannung und Neugierde aufgebaut für den Mann mit dem Horn. Das klappt auch gut. Als Theo Crocker endlich mit seiner Trompete die Bühne erklimmt, und zu spielen beginnt, geht es erst wirklich los.
Die Drums im Zusammenspiel mit dem gewaltigen Bass liefern unbeirrt einen markanten, durchlaufenden Beat, viel Beckeneinsatz, knackig durchdringende Bassfiguren. Auf dieser rhythmischen Basis erhebt sich dann die Stimme der Trompete. Die steht zwar jetzt und auch später, stets im Vordergrund des musikalischen Geschehens, ist aber relativ leise, gerade noch zu hören. Theo Crocker verzichtet bewusst darauf, seine Trompete durch höher Lautstärke stärker hervorzuheben. Die Trompete ordnet sich so dem rhythmischen geprägten Gruppen-Sound unter. Dieses „Anerkennen“ der rhythmischen Dominanz bildet einen durchaus interessanten Gegensatz zum Spiel des Trompeters.
Dieses Spannungsverhältnis liegt auch in der Spielweise von Theo Crocker begründet. Ohne Zweifel hat sein Instrument stets die Stimm- und Melodieführung. Das heißt, er stellt – nach einer thematischen Einführung durch die Band – eine Melodie oder nur ein Riff vor, variiert die Figur etwas, beginnt dann zu improvisieren. Dabei bewegt sich sein Spiel meistens im mittleren Frequenzbereich, selten bis nie bemüht er die hohen, schneidenden Frequenzen, deren schmetternder Metall-Sound auch bei moderater Lautstärke zu den Ohren des Publikums durchdringen würde. Stattdessen klingt seine Trompete eher balladenhaft moderat, ein wenig vom coolen Jazz inspiriert. Diese Spielweise bildet dann einen wirklich spanenden Gegenpol zum wuchtigen, geraden Groove der Rhythmus-Gruppe, die überwiegend Hip-Hop-Beats bevorzugt oder mal in den Disco-Fox abschweift - Eins, zwei, Tap - Eins, zwei, Tap. Ja, einige Titel wären durchaus tanzbar, aber außer Bewegungen am Patz tut das niemand.
Natürlich gibt Theo Crocker seinen Mitstreitern ausreichend Gelegenheit, sich solistisch zu präsentieren. Da dürfen sich alle mal exponieren. Der Bass zeigt, dass auch jazzige Figuren und Läufe zu seinem Repertoire gehören. Der Drummer, der eigentlich immer mit Breaks und Wirbeln präsent ist, kann auch mal solistisch spielen, und der Pianist, der eher dezent im Hintergrund seine durchaus beachtenswerten Läufe spielt, kann seinen Jazz recht frei in die Tasten schlagen und steht mehrmals im Mittelpunkt des improvisatorischen Geschehens.Dann gibt es noch die Ansagen der Titel durch Theo. Der vorletzte Titel heißt „Jazz is Dead“. Das ist eine Variante auf das Zitat von Frank Zappa. „Jazz is not dead, but just smells funny“. Faktisch und musikalisch ist das durch die Jahrzehnte lange Entwicklung und Existenz einer kreativen, lebendigen Jazz-Szene widerlegt. Und auch dadurch, dass gerade bei diesem Konzert hier im Berliner Lido eben nicht die Ü-50 Fraktion im Publikum dominiert, sondern ein stark junges Publikum präsent ist. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass Theo Crocker das Publikum dazu bringt, diesen Spruch immer wieder mit zu rufen. Wobei der Pianist genau in diesen Momenten das Ganze mit seinen wildesten und freiesten Jazz-Harmonien unterlegt. Tja, liebes Publikum, wenn das mal nicht ironisch gemeint war. Anyway, würde wohl der Jazz-Balladen spielende Theo Crocker sagen. Alles in allem ist es ein jazziges Konzert mit Hip-Hop- und Funk-Elementen.
Theo Croker stellt noch mal die Band vor. Das letzte Stück des Konzerts fügte sich stilistisch in das bereits Gehörte ein und wird gegen Ende noch mal rhythmisch sehr dicht. Das Konzert endet, indem ein Musiker nach dem anderen aus dem Groove aussteigt, die Bühne verlässt. Zum Schluss spielt der Schlagzeuger alleine, um dann als Letzter von der Bühne zu gehen. Eine gewünschte Zugabe ist objektiv nicht möglich, ein neues Publikum wartet schon vor der Tür auf das nächste Konzert.