XJAZZ-Festival 2019 in Berlin-Kreuzberg - Nachbetrachtung Teil 1


Hotel Orania
Konzerte von Bodek Janke und Clara Haberkamp/Lisa Wulff
Dies ist ein sehr gepflegtes Ambiente. Eher ungewöhnlich für den Jazz, fast schon etwas unheimlich. Für ein kleines, möglichst eingeweihtes Publikum ist dies ein toller Ort. Der Salon fasst so 40 Sitzplätze und vielleicht 10 bis 15 Stehplätze. Bei mehr Personen verliert der Raum wohl seinen Charme. Aber für ausgefallene Konzerte – aufgrund des Stils oder der fehlenden Bekanntheit – ist dies ein vorzügliches Ambiente. Und das „Brlo“ vom Fass schmeckt an der schnuckeligen Theke auch ganz lecker, (alt-slawischer Name für Sumpf, aus dem Berlin wurde, heute ein lokales Bier).

Dieses Kriterium – ausgefallenes Konzert – trifft auch für den Auftritt der Pianisten Clara Haberkamp mit der Bassistin Lisa Wulff zu. Auch hier hat sich ein eingeweihtes Publikum eingefundenen. Der uneingeweihte oder neugierige Rest der Anwesenden hat sich positiv überraschen lassen.
Fazit: Ambiente und das überwiegend mittelalte Publikum passen gut zusammen.

Lesen Sie über:
Songs oder die Lieder des Bodek Janke – 09.05.2019 im Orania
Piano trifft Kontrabass oder die Kunst des Duos (Clara Haberkamp bittet Lisa Wulff zum Duo)

SO36
Brass Band Meute

Nach dem ersten Konzert im Orania konnte es wohl keinen größeren Kontrast geben, als das Konzert im räumlich nahen, architektonisch und atmosphärisch fernen SO36, in dem Meute auftrat.

Zum Publikum. Dies setzt sich nicht - nein, denn fast alle müssen stehen – aus einem bunten Mix von verschieden Altersgruppen zusammen, sondern hier dominieren unübersehbar die Youngsters. Na gut, es gibt auch ein paar Gesichter, die zu den „Alt-Jugendlichen“ gezählt werden müssten, aber Outfit und Gestus entsprechen denen von Jugendlichen, zumindest von jungen Leuten. Der Autor will nicht so pingelig sein und zählt sie einfach zum Jungvolk.
Was hörte denn das Publikum für eine Musik und wie kam sie an?
Akustischer Techno-Jazz ! Dies würde auch den Erfolg des Konzertes erklären. Das SO36 ist rappelvoll, es ist verdammt eng. Die Leute sind echt angetan, wenn nicht begeistert von der Band und ihrer Musik…Die Location trägt sicherlich eine große Rolle bei der Akzeptanz der Musik. Was hier im Saal gespielt wird, das muss einfach klasse sein, auch wenn es was, mit Jazz zu tun hat.
Fazit: Die Location mit ihrem Ambiente, die Musik von Meute und das tobende Publikum waren nicht zu schlagen. Besser konnten diese technischen Komponenten eines Konzertes nicht zusammengebracht werden.

Second Short Story: „Meute“ – oben spielt und unten tobt die Meute

Lido
Klarinetten-Legende Rolf Kühn und sein Quartett im Lido, dem ehemaligen Kino.
Rolf Kühns Loblied auf das Lido klingt so: „Von außen sei das Lido scheußlich, aber von innen sei es ein toller Ort mit guter Atmosphäre... Dann dankt er den zahlreichen Besuchern für ihr Kommen.“ Rolf Kühn ist zu zustimmen, durchaus. Das Äußere ist vielleicht nicht ganz so scheußlich, wie dies der Klarinettist empfindet. Es ist eher Kreuzberger Standard und bezüglich des Charmes von Örtlichkeit und Ambiente liegt das Lido so zwischen SO36 und dem Kreuzberger Festsaal, näher am letzteren, räumlich wie atmosphärisch.

Innen ist der Saal in dunklen Farben gehalten. Ein Mix aus roten und violetten Tönungen durchbricht an einzelnen Stellen die dunkle Schwärze. Entsprechend ist die Atmosphäre. Gegen die coole Lässigkeit braucht es schon viel Stimmung und einen gewaltigen Sound, um das Publikum in Rage oder Ähnliches zu bringen. Auch das Alter spielt sicherlich eine Rolle. Es gibt relativ viel junges Publikum, aber die Mehrzahl der Besuche sind eher dem mittleren Alter zuzurechnen, Senioren sind nur vereinzelt auszumachen und Besucher, die das Alter von Rolf Kühn (89!) haben, sind gar nicht zu entdecken. Die Begeisterung eines mittelalten Publikums fällt möglichweise weniger empathisch aus, als bei ganz jungen Leuten. Rolf Kühn erhält viel Zuspruch für sein Konzert.
Und das Publikum? Dem gefällt es gut. Gar keine Frage. Aber eine richtig tiefe Begeisterung voller Emotionalität kann der Autor nicht erkennen.

Möglicherweise ist eine hohe emotionale Begeisterung auch zu viel verlangt. Dies kann nicht immer gelingen und hängt von vielen Faktoren ab. Die Musik des Künstlers ist nur eine davon. Vielleicht lag es auch am frühen Konzertbeginn. Ein späterer Beginn hätte mehr (junge) Leute und noch mehr Begeisterung gebracht? Reine Spekulation.

Fazit: Das Ambiente im Lido ist für solche anspruchsvollen Konzerte wie das von Rolf Kühn ganz gut geeignet, wenn auch nicht optimal. Das überwiegend mittelalte sachkundige Publikum passte jedenfalls gut zum Ambiente.

Kurzgeschichte Nr. 3 - Die Lebendigkeit der Klarinette – die Legende Rolf Kühn im Lido

Autor: Cosmo Scharmer