Hannes Zerbe Jazz Orchester – 18.01.2024 Kunstfabrik Schlot


Konzertbericht 1. Teil – 3-teilige Suite für Jimmy Hendrix


Genau um 21:00 Uhr gibt es eine preußisch pünktliche (extrem selten in Berlin) Ansage von John Kunkeler, der das Jazz Orchester ankündigt, die Konzertreihe „Berlin jatzzt“ mit Jazzmusik von 1945 bis 70 am 12. Feb. sehr empfiehlt, um direkt an Hannes Zerbe zu übergeben. Der sorgt sogleich für Überraschung, indem er sagt: Musikalisch müsse man auch mal nach links und rechts schauen und deshalb würden sie heute 3 Titel von Jimmy Hendrix spielen. Wow! Das ist ungewöhnlich und spanend zugleich.


Heide Bartholomäus – Stimme
Jürgen Kupke – Klarinette
Nico Lohmann – Altsax, Flöte
Silke Eberhard – Altsax, Klarinette
Dirk Engelhard – Tenorsax
Gebhard Ullmann – Tenorsax, Bassklarinette
Alexander Beierbach – Baritonsax
Damir Bacikin – Trompete
Nikolaus Neuser – Trompete, Flügelhorn
Tobias Zerbe – Trompete
Morris Kliphuis – Frenchhorn
Sören Fischer – Posaune
Florian Juncker – Posaune
Matthew Bookert – Tuba
Roland Neffe – Xylophon
Jörg Schippa – Gitarre
Horst Nonnenmacher – E– Bass
Christian Marien – Schlagzeug
Hannes Zerbe – Orgel, E-Piano, Komp. & Arrang.

Ich bin ein Voodoo-Kind
Schon schlägt der Drummer akzentuierte Beats und der E-Bass knattert dazu. Die digitale Orgel des Chefs macht Wind, ein erstes Solo der Trompete poppt in hoher Stimmlage auf, dann ertönt ein rhythmisches Intermezzo, in dem plötzlich die Stimme von Heide Bartholomäus interveniert: „Ich bin ein Voodoo-Kind“. Ja, so klingt ihr emotional bewegter Sprechgesang und so klingt der Sound, den die Rhythmusgruppe  - aus Drums, Bass, Orgel & Gitarre bestehend -, stark perkussiv rauslässt. Und die Tuba brummt dazu. Dann fällt die Big Band ein, füllt die Musik mit ergänzenden Sätzen auf. Es klingt anders als diverse Voodoo Songs (Bitches Brew) aus der Hoch-Zeit von Jazz-Rock/Fusion, aber der Spirit ist vorhanden und wird – neben der Stimme - besonders durch einen knarrenden, perkussiven Rhythmus hergestellt. Ein markantes Gitarren-Riffs macht dann vollends klar, wessen Kind Voodoo Child ist.


Die brennende Lampe um Mitternacht
Diese passt gut in den intimen, bestens gefüllten Club. Heikes Stimme, ihr sprechender Gesang erzählt die Geschichte in Deutsch. Wer hat damals den Text ins Deutsche übersetzt? Hier und heute gibt es „Burning of the Midnight Lamp“ frei Club plus Musik. Die kommt jetzt von den Bläsern, die das einfache, aber markante Thema mit Bassklarinette, Flöte und Klarinette eher sanft vertonen. Den Gegenpol bilden die Drums und der E-Bass von Horst Nonnenmacher, der eine lässige Funky-Stimmung erzeugt. Dazu trägt auch der brausende Sound (auch ohne Hammond B3 möglich) der „Orgel“ bei, den Hannes Zerbe auf seinem Keyboard beisteuert. Das fulminante Solo der Posaune passt bestens, wie auch das folgende fetzige Solo der hochlagigen Trompete. Der Support der Bläser versprüht einen Hauch von Blood, Sweat & Tears, nur mit mehr Volumen. Dann erfolgt das mehr als überfällige Solo der Gitarre, das Jörg Schippa zwar im Geist von Titel und Genre darbietet, das aber nicht als banale Kopie des Originals rüberkommt. Zum Gitarrensolo gibt es die passende Unterstützung durch die souveränen Kollegen von Drums & Bass, die jetzt fast wie ein klassisches Rock-Trio klingen, wäre da nicht die Big Band mit den Bläsern, die dann und wann chirurgisch dazwischen funken.

Wieder ist es die „The Voice“, die die Einsamkeit des Titels intensiv hervorhebt. Irgendwie klingt Heide Bartholomäus einsamer als im Original. Auch die Big Band lässt die Stimme – dem Inhalt des Titels entsprechend – allein. Nur Christian Marien an den Drums springt ihr, die Trommeln keck dreschend, mutig bei. Sein Spiel ist kein Rock-Solo, auch nicht klassischer Jazz, ebenso so wenig Jazz-Rock, sondern das jazzige Trommeln eines Individualisten. Der zur Suite ausgewachsene Titel klingt gemächlich aus, die Mitternachts-Lampe erlischt


The Wind Cries Mary oder Der Wind flüstert …
Der frischt leise raunend auf, bevor er zu flüstern beginnt. In diese klingenden Luftströme schlägt die Gitarre das knappe, aber eindringliche Riff des Songs. Die windumtriebenen Holzblasinstrumente säuseln, der stampfende Rhythmus trifft auf die schrill jaulende Gitarre, mit der Jörg Schippa ein längeres Solo zelebriert. Eine einfache Imitation der Spielweise von Jimmy Hendrix wäre nicht angemessen, und so bleibt der Gitarrist seinem Stil treu, betont jedoch den Charakter der Hommage. Dann ist das Sprechen, die Stimme von Heike im Fokus, die die Geschichte - „die Ampel wechselt auf Blau“ -  weiter spinnt, das Thema beschwörend wiederholt… und der Wind flüstert … Mary! Ja, nicht Maria. Die ganze Big Band findet diese wenigen Tonfolgen (3 Akkorde als Refrain) so wunderbar, dass alle es anstimmen und das mit der geballten Kraft eines Jazz Orchesters. Eine Steilvorlage für die Altsaxofonisten Silke Eberhard, den Sound mit ihren Improvisationen richtig aufzumotzen. Ihre Sequenzen, die sie in die Stille des ruhigen, melodisch gefälligen Refrains presst, quietschen und kreischen nur so. Das sind freie Aufschreie, die Silke Eberhard aus dem Horn schleudert, stößt, rotzt. Dazu gibt der Dirigent – jetzt Orgel spielend - kurze Figuren wie Triller auf dem digitalen Blasebalg zum Besten, macht den Song wieder rockig. Eine Jazz Big Band, die Rock-Klassiker im Sinn von Fusion vertont, muss diesen Sound nicht zwangsläufig überzeugend realisieren. Aber hier und jetzt ist das einfach der Fall … und der Wind flüstert … das Publikum in die wohlerhörte Pause.


Fortsetzung folgt …


Konzertbericht vom 25.08.2023