Tobias Meinhart Berlin People A-Trane 16.08.2023

Es ist für den in New York, Brooklyn lebenden Ex-Berliner Tobias Meinhart eine gute Tradition, Konzerte im Sommer in Berlin zu geben, und das mit seiner Berliner Band. Noch bis zum 20.08. sind die CD-Release-Konzerte des jüngsten Albums Dark Horse zu erleben, das im März 2022 im A-Trane eingespielt wurde. Anstelle des auf der CD mitwirkenden Berliners Kurt Rosenwinkel konnte Charles Altura aus NYC gewonnen werden. Dark Horse steht metaphorisch für jemanden, der unerwartet siegt. Lassen wir uns also überraschen! Das Tenor von Tobias Meinhart führt leise ins Thema von Dark Horse ein: verhaltene, mit viel Luft gehauchte Linien entströmen dem Tenorsax. Das Thema ist angestimmt, rhythmisch akzentuiert geht´s los. Sofort ist die Gitarre von Charles Altura dabei, erste Gitarrensplitter in den Sound zu zupfen. Das tut er behutsam mit rundem Ton, betreibt keine Finger-Akrobatik, sondern findet eine Balance zwischen melodischen Figuren wie energetischen Läufen. Es ist schon ein besonders raffinierter Rhythmus, den Bass & Drums dem Song verpassen. Auf dieser Grundlage bläst Tobias Meinhart seine wunderbaren Soli. Zunächst sind ruhige, bedachte Sequenzen zu hören, dann schrauben sich die Linien höher, werden intensiver, ausdrucksstärker. Die Band generiert jetzt einen dicht gewebter Sound, der lyrischen, kammermusikalischen Charakter annimmt. Piano, Bass und Drums begleiten den Song diskret wie souverän. Das Thema entwickelt sich kontinuierlich, überrascht dann durch stärkere Expressivität, gewürzt mit einem Schlag Dramatik – aktueller Jazz oder Dark Horse.
Weitere Titel im Detail
Pinball, das erste Stück dient zum „Aufwärmen“ der Band und - bei den heißen Temperaturen draußen - zum „Runterkühlen“ des Publikums: Angenehmes Thema, leicht zugängliche Melodie wie Rhythmus. Der etwas älterer Titel ist gut geeignet zum musikalischen Vorstellen der Mitglieder von Berlin People, was sie solistisch dann auch reihum in gekonnter Weise tun – altberlinisch eben.
Dreamer
Mit leichten Schlägen der Drums stellt sich ein akzentuiert Rhythmus vor. Zunächst noch zurückhaltend, was sich im Laufe des Titels noch ändern sollte. Thematisch ist es der Bass von Tom Berkmann, der das Thema einleitet. Gitarre und Tenorsax geben unisono eine schöne Melodie vor, um diese dann solistisch auszubauen. Ein ausführliches, so unaufdringlich wie lässiges Solo der Gitarre von Charles Altura hilft, den Balladencharakter des Titels auszuschmücken. Gleiches gilt für das Tenorsaxofon, das mit seinen emotionalen Improvisationen weitere Klangfarben in den Titel malt. Während der ganzen Soli ist es Drummer Mathias Ruppnig, der ständig polyrhythmischen Schläge, besser Salven, in den Song prasseln lässt. Währenddessen sorgt Bassist Tom Berkmann souverän für die notwendige harmonische Kontinuität. Dann treffen sich erneut Sax und Gitarre, um das Thema unisono zu wiederholen, es behutsam ausklingen zu lassen.
Auch ein schneller, zeitgenössischer Swing ist im Programm. Etwas quirlig, sehr bewegt, hat der Song viel, was mit Großstadt-Sound assoziiert wird. Seine kantigen Metropolen-Klänge verbreiten eine gewisse Art von Rast- und Ruhelosigkeit, überzeugen jedoch durch Dynamik und Energie. Die Jungs vom Rhythmus liefern einen fetzigen ungeraden Rhythmus, der dem Pianisten Lorenz Kellhuber keine andere Wahl lässt, als zu zeigen, was im seinem Pianospiel steckt. Und das wird nicht subtil gezeigt, sondern mit expressiver Leidenschaft. Seine energiegeladen Akkorde treffen auf perlende Läufe, die blitzschnell Hand in Hand gehen, um Titel und Publikum ungemein anzuheizen. Jede einzelnen Taste wird von Lorenz Kellhuber in swingende Schwingungen versetzt: Featuring the Piano Man, könnte der Titel auch lauten. Dann ist Pause. Zeit zum Verschnaufen. Fortsetzung folgt …
Das Spektrum seiner Musik ist gewaltig. Beim Titelsong des jüngsten Albums Dark Hose sind u.a. zu erleben: Expressive Sequenzen, stringente Linien und melodische Bögen, die aus dem Tenorsax von Tobias Meinhart entströmen, um in ein energetisch ausgelassenes Spielen überzugehen. Dieser Sound gleitet dann in ein lyrisches Pianosolo, das zunächst balladesk fortgeführt wird, um sich dann rhythmisch zu steigern sowie dramatische Akzente zu setzen. Dann erinnert das hinzukommende Tenor an die Titelmelodie, wiederholt sie kurz, lässt den Titelsong Dark Horse ausklingen. Die von Tobias Meinhart geschaffenen Figuren und Motive sind die Kunst des Erzählens von Geschichten durch Musik, besonders im Jazz. Tobias Meinhart lebt die Musik, die in den Soli seiner Kollegen zum Ausdruck kommt, intensiv mit. Er lauscht, oft mit geschlossenen Augen, ist ganz bei deren Spiel, genießt den Augenblick. Die umfassende Klangwelt seiner Musik mit Berlin People ist in den 5 Konzerten unmittelbar zu erleben. Hingehen!
Jazzclub A-TraneInterview mit Tobias Meinhart



