Tobas Meinhart 19.08 Berlin People Final

Zwei Konzerte - einer Konzertreihe mit 5 Auftritten - zu besuchen und zu beschreiben, ist der Versuch, festzustellen, wie stark oder wie ähnlich sich die beiden Konzerte voneinander unterscheiden. Im Jazz ist jedes Konzert anders: das gilt es zu bestätigen oder auch nicht. Berlin People - Das Titelstück des Albums ist repräsentativ für das Konzert und zeigt gut die Struktur: Bass und Drums legen los, Sax und Gitarre stellen unisono das Thema vor, kurz danach beginnen die ersten Soli. Währenddessen liefert ein polyrhythmisches Trommeln ergänzende Akzente in den komplexen Gruppen-Sound. Rhythmischer Wechsel. Jetzt swingt ein Piano-Jazz-Trio auf höchstem Niveau, ergänzt von virtuosen Soli von Tenorsax und Gitarre.
Charles Altura – Gitarre
Tom Berkmann – Bass
Lorenz Kellhuber – Piano
Mathias Ruppnig - Schlagzeug
Tobias Meinhart - Tenorsax
Weitere Titel im Detail - Spiritual
Die Komposition stammt von Lorenz Kellhuber und ist nichts weniger als eine Hymne an den Geist schlechthin. Das Piano stellt die thematischen Linien vor, sensibel ergänzt die Gitarre mit langgezogenen Tönen. Für eine kurze Zeitspanne entsteht ein Duo. Der Titel besticht durch Stille, die Drums werden behutsam mit Klöppeln touchiert, der Bass liefert sparsamste Figuren. Das ist Hymne pur. Und Trane blinzelt herüber, erfreut sich an Geist und Materialisierung hier im Konzert. Das Thema nimmt Fahrt auf, dramatisiert sich zunehmend. Die verhaltenen Anschläge des Pianos werden kräftiger, um in stakkatohaften, knallenden Anschlägen zu münden. Dergleichen ist vom Rhythmus zu hören. Die Spannung wächst kontinuierlich, erreicht ihren Höhepunkt in einem ekstatischen Spielen des Piano-Trios. Die Stimmen von Gitarre und Tenor können sich dieser aufwallenden „Orgie“ nicht entziehen, vervollständigen in ihren Soli diese akustische Materialisierung des Geistes. Bei den solistischen Sequenzen des Tenors von Tobias Meinhart lächelt Trane´s Spirit sogar.
Sonic River
Charakteristisch für die Vorstellung vieler Titel der Konzertreihe ist der Starten durch den Bass. So auch hier. Der Bass von Tom Berkmann leitet mit einer Ostinato-Figur ein, die er variiert, in sein erstens Solo wandelt. Praktisch! Drums und Piano fallen rhythmisch ein, während Sax und Gitarre das Erkennungsthema melodisch zu Schwelgen bringen. Die Gitarre setzt sich als erstes ab, Charles Altura greift und zupft Akkorde, die solistisch verwendet werden, bevor die einzelnen Töne – im Wortsinn – wieder die Oberhand gewinnen. Seine Finger erwecken schöne melodische Linien zum Leben. Der Titel ist etwas für melodische Gourmets, die im Publikum zahlreich vorhanden sind und ihr Wohlgefallen lautstark bekunden. Was der Gitarre recht ist, ist dem Tenor billig.
Seine Sequenzen fliegen in schnellen Salven aus dem Sax, sein Spiel entwickelt sich zu freien Intonationen voller starker Emotionen – The Art of Tenor Sax. Sonic River wird dann zu einem ruhigeren Gewässer, kammermusikalisch schwindet er dahin, haucht sich aus.
Pursuit of Happiness
Ein melodisches Thema, das Sax und Gitarre zusammen eröffnen. Drums und Walking Bass liefern einen markanten Rhythmus, der von Gitarrenakkorden lässig unterstützt wird. Es obliegt dann dem Solo des Tenors emotional bewegte Schleifen und Figuren in den Titel zu schleudern: auch in hohen Lagen, die leicht ins Schrille kippen. Hier wie auch in vielen anderen Soli von Tobias Meinhart ist das Erzählen von Geschichten ein wesentliches Merkmal seiner Spielweise, gleich welcher Stil, welche Sprache des Jazz verwendet wird. Das folgende Solo des Bass konzentriert sich auf das Wesentliche des Themas, während Pianist Lorenz Kellhuber die Chance ergreift, sich freizuspielen. Mit wilden Anschlägen sowie Cluster hämmernd, jagt er die Tastatur rauf und runter, ein ungemein ekstatisches Solo berstet aus dem Steinway-Flügel. Die stetige Wiederholung des knappen Titelthemas nutzt Mathias Ruppnig zum solistischen Füllen der „Pausen“ – leidenschaftliches Power Drumming als polyrhythmisches Intermezzo.
White Bear
Nach einer einleitenden gefälligen Ostinato-Figur des Basses, bringen Drums & Bass sofort einen raffinierten Rhythmus auf den Weg, in den Gitarre und Tenorsax das Thema unisono verkünden. Die Gitarre des Mannes aus Brooklyn übernimmt das 1. Solo. Wenn auch gediegene Klänge überwiegen, so erinnern seine Figuren und Läufe ein wenig an eine Hommage an John McLaughlin. Drums und Bass „schuften“ unentwegt, sorgen für Kontinuität, während das Piano mal Pause macht. Solistisch macht das Saxofon balladesk weiter, wird dann stetig expressiver, dramatischer. Den emotionale Rest erledigt der Drummer mit seinen unablässigen, federnden Schlägen, die er zwischen die Ostinato-Figur bestens platziert.
Berlin People – detaillierte Beschreibung
Das Titelstück des Albums ist repräsentativ für das Konzert. Die Struktur vieler Titel ist hier gut zu erkennen: Bass und gleich danach die Drums legen los, Sax und Gitarre stellen unisono das Thema vor, kurz danach beginnen die ersten Soli. Das sind jetzt die Improvisationen des Tenors, die unbändig, quirlig und expressiv sich Luft verschaffen. Das folgende Gitarrensolo ergänzt mit langen, fast elegischen Tönen. Währenddessen liefert ein polyrhythmisches Trommeln ergänzende Akzente in den komplexen Gruppen-Sound. Dann fangen Bass sowie Drums zu swingen an, verschaffen dem Titel einen anderen rhythmischen Charakter. Das Piano schließt sich mit perlenden Läufen an, dann swingt ein Piano-Jazz-Trio auf höchstem Niveau. Der Drummer produziert ein Solo, was das (Schlag)Zeug hält. Der frenetischer Applaus des Publikums perfektioniert den Song - Berlin People.
Als Zugabe gibt´s dann noch den Klassiker Body and Soul, bei dem die Band souverän zeigt, dass auch Standards zu ihrem Repertoire gehören, die höchst lebendig präsentiert werden.
Anmerkung: Im 1. Konzert wurden folgende Titel detailliert beschrieben: Pinball Dark Horse Dreamer
1. Konzertbericht vom 16.08.2023Interview mit Tobias Meinhart



